Patienten zweiter Klasse

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Wenn Hilfen nicht helfen

 
 Medizinisches Cannabis kann bei ungewöhnlich vielen Leiden, Erkrankungen, Symptomen und Zipperlein signifikant helfen. Die Diagnosen der deutschen Cannabis-Patienten sind deswegen vielfältig. Doch nicht nur Kassenpatienten, sondern auch stark eingeschränkte bis schwerbehinderte Patienten sind leider immer noch „Patienten zweiter Klasse“. Mit einer ADHS mag es möglich sein, von Arzt zu Arzt zu ziehen, bis sich doch einer erbarmt und bereit ist mitzuwirken. Doch wie ist es bei motorisch eingeschränkten MS-Patienten? Oder bei Depressiven, die bereits eine Sozialphobie ausprägen? Mario Danne, deutscher Österreich-Auswanderer und das Gesicht des Youtube-Kanals CIA-TV, antwortete uns zu genau dieser Problematik, mit der er eigene, einschneidende Erfahrungen gemacht hat.
Soft Secrets: Mario, du bist „Patient zweiter Klasse“. Du willst Hilfe, kannst Hilfen aber nicht wirklich in Anspruch nehmen – wieso?

Mario: Es ist kompliziert. Ich lebe durch meine Krankheit und die Verfolgung durch Cannabis praktisch im Untergrund. Obdachlose mag das System aber gar nicht, selbst wenn man wie ich bereits in Rente (Pension) ist. Patienten mit seelischen Krankheiten, Phobien oder Ängsten haben es sehr schwer, Hilfe zu finden. Privatpatient mit Geld in der Tasche wird man schnell. Aber wehe, du hast echte Probleme und brauchst Hilfe, dann erschlagen dich die Hürden. Ich bin also gezwungen, mich in Deutschland anzumelden, mir eine Wohnung zu suchen, einen Arzt zu suchen bzw. zu finden, der aber Kassenarzt ist und mir nicht nur Cannabis verschreibt, sondern auch einen Antrag mit mir stellt. Ich gehe nicht mal zum Arzt, wenn ich Schmerzen habe.

Soft Secrets: Beim Youtube-Format CIA-TV oder auf Veranstaltungen merkt man dir das nicht an, du wirkst sogar fröhlich. Wie kann das sein?

Mario: Wenn man es seit Jahrzehnten gewohnt ist, mit Schmerzen umzugehen, dann lernt man wohl auch, ein bisschen zu Schauspielern. Es ist ja auch nicht so, als wenn mir meine Aufgabe nichts bringen würde. Zumindest lenke ich mich ab, es erfüllt mich, anderen zu helfen oder sie aufzuklären, zu organisieren, auch wenn es wieder anstrengt. Natürlich lache ich auch gerne und bin witzig, aber es fällt mir auch echt oft schwer.

Soft Secrets: Was sind die ursprünglichen Probleme, wie kommt es zu dieser Phobie?

Mario: Die Probleme fingen wohl schon in der Kindheit an. Ob es nun Missbräuche oder auch seelische Verletzungen als Scheidungskind waren, sei dahin gestellt. Von Bettnässen bis Stottern war meine Kindheit nicht so berühmt. Meine Phobien entwickelten sich später und meine Symptome sind auch erst mit etwa 30 Jahren zum Vorschein gekommen. Und das, obwohl ich mich schon sehr früh, vielleicht auch durch Cannabis, verfolgt fühlte.

Soft Secrets: Cannabis ist dir lange bekannt – hast du eventuell bereits unbewusst medizinisch konsumiert?

Mario: Vielleicht habe ich schnell bemerkt, mit 15 bis 16 Jahren, dass es mir gut tut und das Alkohol nicht so mein Ding war, obwohl es anfangs auch viel Mischkonsum gab. Einst ging es eher um das High, das weg Sein von dieser Welt! Jedoch nutze ich es auch stark für meine Kreativität, und unbewusst beruhigte ich wohl schon damals meine Ängste und meine Nervenkrankheit damit.

Soft Secrets: Du hattest zuerst ein relativ normales Leben, bis mit einer Krise alles schlechter wurde und deine Kindheit dich einholte. War dein Unterbewusstsein die eigentliche Problemursache?

Mario: Ja, ich war Vorwerkvertreter, Versicherungsagent, habe dann Berufskraftfahrer gelernt und habe später noch eine zweite Ausbildung als DTP-Systemtechniker gemacht. Ich hatte dann eine kleine Werbeagentur und bin stolzer Vater geworden mit einer langen Beziehung, die dann leider nicht mehr lange gehalten hat. Das zerbrach mich irgendwie und ich stürzte total ab; erst Alkohol und schon kamen die Depressionen. Man weiß in dem Moment nicht, warum, kennt sich selbst nicht, sitzt in einem tiefen Loch, man weint, oft grundlos, man hat keine Kraft. Es ist schrecklich, weil plötzlich nichts mehr geht!

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CIA-TV Messestand
 
Soft Secrets: Bis zu diesem Zeitpunkt hattest du ein schlummerndes Trauma, schwere Depressionen, aber noch keine Sozialphobie?

Mario: Ja, genau, das ist teilweise ein schleichender Prozess. Ich habe immer schon negative Erfahrung mit der Exekutive gehabt, stand immer wieder mal vor Gericht. Ich konnte dann nicht mehr arbeiten; aber ich hatte Beine und konnte reden, wie kann man da krank sein? Aus diesem Grunde habe ich über fast zehn Jahre Arztbesuche, Untersuchungen, Rehabilitationen, Gerichtsverfahren über mich ergehen lassen. Dabei habe ich immer betont, dass es mir bei diesen Besuchen nicht gut geht und ich körperliche Schmerzen habe. So können sich Phobien und Ängste leider auswirken.

 
Soft Secrets: Auch andere autoritäre Situationen wirken unerträglich. Wie äußert sich das in deinem Alltag?

Mario: Ich war eben schon als Kind anders, wollte auch nicht konfirmiert werden, nur um Geld am Ende einzukassieren. Es ist für mich total schlimm, wenn ich von der Polizei angehalten werde oder ich zu einem Arzt muss, geschweige denn in ein Krankenhaus, da muss man mich fast betäuben. Ich kann dann kaum mehr atmen, man zittert, es ist einem übel, dieses Gefühl, so machtlos zu sein, richtig ausgeliefert zu sein. Ich kämpfe für Gerechtigkeit, war immer Klassensprecher, Betriebsrat und ja, ich widerspreche, was die Sache eben auch nicht gerade einfacher macht.

Soft Secrets: In Reha-Behandlung hast du dem Sündenbock Cannabis erst abgeschworen, dann hast du ihn wiederentdeckt und bist inzwischen sogar anerkannter Cannabis-Patient, aber ohne Kostenübernahme. Wie willst du diese mit deiner Diagnose erringen?

Mario: Eigentlich sollte das ja ohne Nachfrage anerkannt und gestattet werden, da ich ja bereits Cannabis-Patient mit Gutachten bin. Ich habe nun seit mehreren Jahren einen Tinnitus sowie tägliche Rückenschmerzen, allein hierbei ist es schon sehr hilfreich. Mein Nervenleiden (Ameisenlaufen) und die ohnehin schwachen Nerven machen Cannabis besonders hilfreich. Die Arztsuche, die Anträge und die Hürden machen mir viel, viel mehr Sorgen als meine Diagnosen.

 Soft Secrets: Entweder hast du nichts oder nicht über legale Quellen. Wie geht ein Patient im Notstand mit dem Verfolgungsdruck um? Was macht diese Situation mit deiner Phobie?

Mario: Du triffst den Nagel auf den Kopf. Es bleibt mir ja gar nichts anderes übrig, wenn man keine Medikamente fressen möchte, als dass man entweder seine Medizin selbst anbaut oder sie sich durch gute vertrauenswürdige Freunde besorgen lässt. Da zählen nicht nur erschwingliche Preise, sondern auch gute Qualität, was auf dem Schwarzmarkt oft nicht einfach ist.

Soft Secrets: Ohne Cannabis-Verbot könnte dein Leben wieder schön sein. Was für Emotionen bereitet diese Erkenntnis?

Mario: Eine wundervolle Vorstellung. Das wäre wohl eine gesundheitliche Verbesserung von 50 bis 70 %, allein schon, weil man sich nicht mehr verfolgt fühlt. Es wäre soviel möglich, sogar anderen Menschen könnte ich helfen und hätte vielleicht sogar einen kleinen „Marios Coffeeshop“, wo mich die Leute besuchen können, ohne Angst haben zu müssen.

Soft Secrets: War das die Initialzündung für CIA-TV?

Mario: Natürlich hat mich Cannabis bewegt, „Cannabis in Action –TV“ auf YouTube und inzwischen auch Facebook und Instagram mit CIA.TV.420 für Newsmeldungen, Konsumentenalltag und Infos rund um Cannabis ins Leben zurufen! Mich hat ehrlicherweise „damals“ Exzessiv inspiriert, als es mit „Micha“ noch lief. Ich dachte mir, es ist meine Mission, so einen Kanal in Österreich zu etablieren und habe mit der Zeit auch Freunde aus Deutschland, der Schweiz und viele weitere …
Aber ich habe nicht nur CIA-TV für meinen Legalisierungsauftrag installiert, sondern auch
Austria.Legalize.eu mit einer Rechtsberatung sowie die Gründung des Dachverbandes der www.Cannabis-Social-Clubs.at

Soft Secrets: Mit der Legalisierung in Colorado in 2014 dachte jeder mit deutlich zu kurzem Horizont. Seit wenigen Jahren scheint bei uns leider wieder intensiver gebremst zu werden. Du bist im medizinischen Notstand, zudem in der Öffentlichkeit und außerdem weitgehend mittellos. Kommt der große Erfolg noch – und wann?

Mario: Was CIA-TV betrifft, so liegt das nicht allein an mir. Es liegt am Team, was sich um mich herum versammelt, es liegt an guten Sponsoren die mich bzw. uns unterstützen; das würde die Sache wesentlich erleichtern und vor allem freundlicher gestalten. Ich weiß auch nicht, ob eine Legalisierung, wobei es ja doch nur eine Regulierung ist, die richtigen Erfolge für uns Endkonsumenten bzw. für Patienten bringt, oder ob es doch nur wieder wenigen Mächtigen in die Hände fällt, die über notwendige Lizenzen verfügen.

Soft Secrets: CIA-TV ist dein Lebensinhalt und Ventil zugleich. Viele andere haben kein Sprachrohr. Gibt es viele „Patienten zweiter Klasse“, die eine ähnliche Situation erleiden?

Mario: Davon bin ich überzeugt. Klar hat nicht jeder Phobien oder Symptome, welche einen den Alltag kaum bewältigen lassen. Aber es gibt bestimmt noch viel schlimmere Zustände und Leiden, davon bin ich fest überzeugt und auch davon, dass vielen dieser Menschen ganz leicht und kostengünstig und vor allem natürlich geholfen werden kann, wenn man es denn nur wollte.

Soft Secrets: Was müsste anders sein, damit dir die vorhandenen Hilfen dienlich sein können?

 Mario: Im Grunde fehlen Menschen, Sozialarbeiter, Leute mit Herz und Verstand, die uns begleiten und gewisse Gänge erst gar nicht notwendig machen. Leute, die uns ein bisschen das Gefühl nehmen, gefoltert zu werden. Wir haben keine Zeit und keine Nerven für Bürokratie, wir haben Schmerzen und/oder kämpfen mit Dingen, die uns das Leben täglich erschweren. Es sollten deutlich mehr Online- und Telefondienste angeboten werden. Aber wenn Mitarbeiter von Versicherungen etc. unter Druck stehen und keine Zeit für den einzelnen Menschen haben, ist das ein großes Problem.

Soft Secrets: Hast du Kraft, um noch länger auf die Legalisierung oder auf eine bessere Patientenversorgung zu warten?

 Mario: Nein, bei dieser Frage könnte ich weinen!

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Kampf dem Hanfverbot!
 
Soft Secrets: Welche Perspektiven hast du, wenn sich alles endlos zieht?

Mario: Das weiterzumachen, was ich seit 35 Jahren in Bezug auf Cannabis tue. Und es bleibt die Hoffnung, denn die stirbt immer zuletzt. Ich werde immer eine Möglichkeit finden, mich für diese Pflanze so einzusetzen, dass ich sie genießen kann und sie mir weiterhin hilft, wenn ich es für richtig halte.

Soft Secrets: Für diesen aufschlussreichen Einblick in einen nicht untypischen Patientenalltag bedanken wir uns bei Mario von CIA-TV ganz herzlich.

 Viele Deutsche sehen die Cannabis-Frage als beantwortet: Für Konsumenten gibt es die geringe Menge, mit der ein Verfahren eingestellt werden kann, aber leider nicht muss. Für Patienten gibt es das neue Gesetz über Cannabis als Medizin; wer nicht zum Arzt geht, sei selber schuld. Auch an Mario Danne beweist sich, dass dieses Denken derzeit leider noch bei zu vielen an der Realität vorbeigeht.

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