Vier Jahre Cannabis-Medizin-Gesetz

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Entwicklungen aus Apothekersicht

Nach mehr als vier Jahren kommt endlich das erste in Deutschland angebaute Cannabis in die Apotheken – den Betroffenen geht es dabei schlichtweg zu langsam. Doch was ist vom bürokratischen Deutschen auch zu erwarten? Ein Interview.

Viele wissen nicht, dass es vor dem März 2017 bereits über 1000 Cannabis-Patienten gab, die sich eine Ausnahmegenehmigung beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erstritten haben. Es war seit rund zehn Jahren bereits möglich, Cannabis beziehungsweise Cannabinoid-Medikamente aus deutschen Apotheken zu erhalten. Die Patienten zahlten jedoch aus eigener Tasche und es gab kaum Auswahl, sondern stets Lieferengpässe.

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apotheke am inselpark

 

Die spannenden Fragen lauten also: Was hat das Cannabis-Medizin-Gesetz gebracht? Ist das Problem für Cannabis-Patienten gelöst? Wie wird es weitergehen? Genau diese Fragen wird Björn Schrage als Inhaber der „apotheke am inselpark“ in Hamburg beantworten.

Wir freuen uns über Ihren „anderen“ Blickwinkel zum Thema. Seit wann interessieren Sie sich für Cannabis als Medizin, seit wann geben Sie Medizinalhanf an Patienten weiter?

Björn Schrage: Heilpflanzen und deren Verwendung in der Medizin waren für mich einer der Gründe, Pharmazie zu studieren und Apotheker zu werden. Nach meinem Studium habe ich im klinischen Bereich gearbeitet und dort erste Begegnungen mit Cannabinoiden in der Therapie gehabt. Kurz nach der Eröffnung der apotheke am inselpark im Januar 2014 habe ich mich um eine Ausnahmegenehmigung zum Erwerb und zur Abgabe von Cannabisblüten bei der Bundesopiumstelle bemüht. Wir haben damals nicht mal eine ganze Handvoll Patienten damit versorgt.

Soft Secrets: Cannabis-Patienten sind häufig schwerkranke Menschen, die weder ein noch aus wissen. Cannabis hilft ihnen und ist gewiss nicht gefährlicher als andere BtM-Medikamente. Weswegen nimmt Cannabis eine solche Sonderrolle ein?

Björn Schrage: Eine Sonderrolle nimmt es vielleicht deshalb ein, weil Cannabisblüten keine Fertigarzneimittel sind. Sie sind Rezepturgrundstoff und werden erst in der Apotheke durch Verarbeitung und/oder Verpackungsvorgänge zu einem Arzneimittel. Daher sind Dosierungen stärker auf den jeweiligen Patienten anzupassen als bei Arzneimitteln, bei denen es durch Studien belegte Dosisangaben gibt, auf die man zurückgreifen kann.

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Medizinalhanf

 

Soft Secrets: Es war der 10. März 2017, als in Deutschland erstmals Cannabis per BtM-Rezept ohne Ausnahmegenehmigung abgegeben werden durfte. War das ein reibungsloser Übergang für die Patienten?

Björn Schrage: Bei unseren Patienten war das so. Einen Übergang gab es ja quasi nur für die Patienten, die bereits vorher mit einer Ausnahmegenehmigung ihre Arznei bei uns erhielten. Diese waren ja bereits in Betreuung bei Ärzten, die dem Thema nicht völlig abgeneigt gegenüberstanden. Für neue Patienten war es am Anfang allerdings schwer, denn nicht jeder Hausarzt hat sich da zu Beginn rangetraut. Nicht wenige tun es auch heute, vier Jahre später, nicht.

Soft Secrets: Gerade in der Anfangszeit gab es häufiger Berichte über Lieferengpässe oder qualitative Mängel der niederländischen oder kanadischen Importware. Welche Phasen haben Sie in Erinnerung?

Björn Schrage: Für viele Apotheken war es zu Beginn häufig sehr schwer, Patienten zu versorgen. Die verfügbaren Mengen waren begrenzt, und als Apotheke allein im Bedarfsfall Ware zu bestellen, war häufig mit langen Wartezeiten verbunden. Mein Ziel ist es schon immer gewesen, Cannabispatienten einen möglichst niederschwelligen Zugang zu ihrer Arznei zu ermöglichen. Daher habe ich mich entsprechend in dem Bereich bevorratet und konnte unsere Patienten so versorgen, wie es jeder Patient erwartet, der mit einem Rezept über ein „ganz normales“ Arzneimittel in die Apotheke geht und es direkt mitnehmen kann.

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Tilray Mango

 

Eine Herausforderung war es natürlich auch für uns, denn die Nachfrage ist seit vier Jahren unaufhörlich gestiegen. Auch bin ich froh, dass es mittlerweile Produkte hoher Qualität in der Apotheke gibt. Zwar hat sich die Qualität der niederländischen Produkte inzwischen leicht verbessert, aber zum Besten, was der Markt zu bieten hat, gehört es meiner Ansicht nach nicht.

Soft Secrets: Seit 2017 müssen Sie z.B. einen Kostenschlüssel auf ihren Einkaufspreis anwenden. Erschweren solche Auflagen die Arbeit oder freuen Sie sich über den lukrativen Zuverdienst?

Björn Schrage: Cannabis als Arzneimittel und der Umgang damit unterliegt vielen Anforderungen, die sich im Preis niederschlagen. Auch ist das Produkt als Arzneimittel vom vollen Mehrwertsteuer-Satz betroffen und könnte deutlich günstiger sein, wenn man Arzneimittel steuerlich anders bewerten würde. Natürlich gibt der Preis hin und wieder Anlass zu Diskussionen, konkret auf mich bezogen darf ich jedoch behaupten, dass die Patienten, die wir versorgen dürfen, unsere Dienstleistungen wertschätzen und sehr zufrieden sind.

Soft Secrets: Zumindest Cannabis mit THC wird nur gegen BtM-Rezept ausgegeben. Es sind besondere Prozeduren erforderlich. Hat sich das im Laufe der Zeit vereinfacht? Stehen Sie als Apotheker mit einem Bein im Gefängnis?

Björn Schrage: Mein Team und ich haben mit BtM keine Berührungsängste. Die Dokumentation ist zwar bürokratisch, aber Apothekenalltag. Hält man sich daran, hat man auch nichts zu befürchten. Da ist die Abgabe von CBD-Blüten ohne Rezept schon problematischer, denn auch diese unterliegen dem BtMG. Viele CBD-Händler sind da leider nicht ausreichend informiert. Man darf diese in Deutschland nur weiterverarbeitet ohne Rezept außerhalb der Apotheke verkaufen.

Soft Secrets: Ohne BtM-Rezept gibt es keinen Medizinalhanf – finden denn alle Patienten auch mitwirkende Ärzte?

Björn Schrage: Nein. Es gibt nach wie vor viele Patienten, die verzweifelt nach einem wohnortnahen Verordner suchen. Ist man etwas mobiler, wird es allerdings oft unproblematisch. Wir werden auch in solchen Fragestellungen häufig kontaktiert.

Soft Secrets: Viele Patienten scheitern an der zweiten Hürde – der Kostenübernahme. Doch im März 2017 haben sich die Preise zuerst fast verdoppelt, einige der bisherigen Patienten haben noch immer keine Kostenübernahme. Wieso ist das bislang so schwer?

Björn Schrage: Weil der Gesetzgeber es bisher versäumt hat, die Krankenkassen schneller in die Pflicht zu nehmen. Der Antrag auf Kostenübernahme ist entwürdigend und wird auf dem Rücken der Patienten ausgetragen. Das Ziel der Krankenkasse ist dabei vermutlich, die Kosten zu drücken, bis sie zur Übernahme verpflichtet werden, was meiner Erwartung nach allerdings bald passieren wird.

Soft Secrets: Weit mehr Patienten haben durch das Cannabis-Medizin-Gesetz von 2017 bislang profitiert. Haben Sie Patienten im Laufe der Jahre beobachtet? Geht es diesen sichtlich besser?

Björn Schrage: Absolut. Es ist schön zu sehen, dass es vielen Patienten ein hohes Maß an Lebensqualität zurückgibt, wenn sie mit Cannabis therapiert werden. Für manche Patienten ist eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben durch Cannabis erst möglich und steigert so zusätzlich die Lebensqualität. Eine Patientengruppe, auf die das besonders zutrifft, sind z.B. Tourette-Patienten.

Soft Secrets: Gibt es in der Entwicklung vielleicht zwischen denen mit und ohne Kostenübernahme Unterschiede?

Björn Schrage: Wer einen nicht unerheblichen Teil seines Lebensunterhaltes für Arzneimittel ausgeben muss, dem fallen sicherlich viele Dinge ein, für die er das Geld anderweitig verwenden kann. Auch finanzielle Sorgen können sich negativ auf die Gesundheit auswirken und ein Abbruch der Therapie aus rein monetären Gründen, darf einfach nicht geschehen. Wie gesagt, verdient jeder Patient die Übernahme der Therapiekosten durch die Versicherung.

Soft Secrets: Viele Patienten würden vielleicht mehr konsumieren oder andere Sorten bevorzugen, sind aber an ihren Arzt gebunden. Wie ist denn die Stimmungslage einzelner Patienten?

Björn Schrage: Ein Arzt, der sich bewusst mit der Cannabistherapie auseinandersetzt, wird wissen, dass es häufig mit einer Sorte allein nicht getan ist. Manch ein Patient ist froh, überhaupt etwas zu kriegen und bleibt still. Eine Lösung ist das nicht. Hier kann ich jedem Patienten nur Mut zusprechen, sich vielleicht an Spezialisten zu wenden.

Soft Secrets: Wenn Cannabis als Medikament eingesetzt wird und auch gut wirkt, sind andere Medikamente vielleicht überflüssig. Haben Sie dazu ebenfalls Beobachtungen gemacht?

Björn Schrage: Nein. Cannabis hat viele interessante Einsatzmöglichkeiten und steht in vielen Bereichen auch als echte und besser verträgliche Alternative zur Verfügung. Es ist aber kein Wundermittel und hilft auch nicht gegen alles. Wir brauchen die Vielzahl an Behandlungsmöglichkeiten auch im Arzneimittelbereich und es ist gut, dass es sie gibt.

Soft Secrets: Viele Medikamente gehen auf die Organe oder dämpfen die Patienten, werden aber sehr gerne verschrieben. Ist das vielleicht auch ein Ruhigstellen, um mit den Patienten angenehmer arbeiten zu können?

Björn Schrage: Nein, natürlich hat fast jedes Medikament Nebenwirkungen, übrigens auch Cannabis, aber deshalb die bewusste Verordnung zu vermuten, ist etwas zu viel Verschwörung, außerdem kann doch Cannabis auch sehr beruhigend wirken, oder nicht?

Soft Secrets: Seit 2017 hat sich bereits einiges getan. Was ist denn der aktuelle Stand, wie viele Patienten in Deutschland erhalten inzwischen Cannabis aus der Apotheke?

Björn Schrage: Ich schätze, dass die Zahl der Patienten mittlerweile nicht mehr weit davon entfernt ist, sechsstellig zu sein. Langfristig wird in einigen Jahren mit zwei bis drei Millionen Cannabispatienten in Deutschland gerechnet. Ich halte das auch für nicht für ganz unrealistisch.

Soft Secrets: Wir haben dieses Jahr das erste Cannabis aus deutscher Erzeugung in den Apotheken. Aus immer mehr Ländern kann importiert werden. Es gibt neben Blüten auch Extrakte und auch Fertigarzneimittel. Anscheinend sollen Krankenkassen die Kosten bald übernehmen müssen. Wie ist ihre Prognose für die kommenden Jahre?

Björn Schrage: Cannabis findet zunehmend Einzug in die Verordnungen unterschiedlichster Fachrichtungen. Die Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten und die Standardisierung in Form von Extrakten und Fertigarzneimitteln tragen weiter zur Akzeptanz bei. Nicht nur bei Ärzten und ihren Patienten, sondern auch in der Öffentlichkeit. Der Schritt zu einer kontrollierten Abgabe geht aus meiner Sicht nur über die Erfahrungen, die wir jetzt im medizinischen Bereich erzeugen. Jeder Patient kann durch verantwortungsbewusstes Handeln dazu beitragen, dass Cannabis wieder als das angesehen wird, was es schon immer hätte sein können: eine zuverlässige und gut verträgliche Arzneipflanze und Stimulanz in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Soft Secrets: Haben Sie herzlichen Dank für das aufschlussreiche und informative Gespräch.

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