Improvisieren im Ausnahmezustand

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Corona-Jahresrückblick

2020 ist geprägt durch die Pandemie und Maßnahmen zu deren Eindämmung. Währenddessen wird eine scharfe Diskussion um die Gefährlichkeit des SARS-CoV-2 Virus oder die Angemessenheit der Maßnahmen zu dessen Bekämpfung geführt. Eines ist uns bereits sicher: Hinterher wissen wir mehr.

Bleiben wir vorerst bei den Fakten: Der wiederholte Lockdown wird sich in der Wirtschaft über Jahre bemerkbar machen. Sehr viele Arbeitnehmer, Unternehmer oder deren Angehörige trifft es bereits jetzt schmerzhaft.

Doch für die internationale Legalisierung von Cannabis war 2020 ein sehr gutes Jahr: Viele Länder haben entscheidende Fortschritte gemacht. Hier einige Beispiele:

– Mexiko beschließt die Legalisierung

– Libanon legalisiert zu medizinischen Zwecken

– Israel plant ein Gesetz für die Abgabe an Konsumenten

– Nepal bringt einen Gesetzentwurf für die Legalisierung ein

– Mit der Präsidentenwahl in den USA legalisieren Montana, Arizona und New Jersey per Volksentscheid Marijuana. South Dakota legalisiert medizinisch und für Freizeitkonsum, Mississippi legalisiert medizinisch und Oregon entkriminalisiert direkt alle noch illegalen Drogen.

Nach der Wahl in den USA ging es dann ganz fix: Die UN stuft Cannabis am 2. Dezember von Stufe IV in Stufe I der Single Convention on Narcotic Drugs um (siehe Titelstory in dieser Ausgabe). Eine Lockerung der Verbotsgesetze bzw. die Legalisierung sind unter diesem Blickwinkel viel leichter umsetzbar. Bereits einen Tag später kommt die Nachricht, dass die EU ihren Plan verwirft, pflanzliches CBD als Droge zu klassifizieren. Einen weiteren Tag später kommt das sehr wichtige internationale Signal aus dem US-Repräsentantenhaus: Die Demokraten stimmen für die Legalisierung auf Bundesebene!

Würde es in der Geschwindigkeit weitergehen, wäre Cannabis 2021 in Deutschland, Österreich und der Schweiz legal. Doch leider gibt es auch negative Nachrichten.

– In Deutschland wurde das Cannabis-Kontrollgesetz im Bundestag abgeschmettert.

– In Neuseeland scheiterte eine Volksabstimmung für die Legalisierung sehr knapp.

– In den USA müssen erst die Republikaner, die im Senat die Mehrheit bilden, mitziehen.

– Viele Unternehmer und Veranstalter haben wegen der Lockdowns massive wirtschaftliche Probleme.

– Die Abstimmung der UN durch ihre „Commission on Narcotic Drugs“ erreichte nur eine knappe Mehrheit für die Umstufung von Cannabis in der Single Convention. Dieses belegt den Unmut vieler Nationen zum Thema der Legalisierung.

Die Entwicklungen im deutschsprachigen Raum lassen sich bis Dezember 2020 noch etwas anders darstellen: In Deutschland schleicht der heimische Anbau für Medizinal-Cannabis dahin und viele CBD-Händler fürchteten juristische Auseinandersetzungen. Auch in Österreich bangten Händler um ihren Goldesel „CBD“. In der Schweiz wird erst für Patienten gelockert und über die Legalisierung noch debattiert. Immerhin soll CBD-Hanf ab 2021 nicht mehr dem „landwirtschaftlichen Saatgutrecht“ unterstehen.

Die Legalisierung von Cannabis ist deswegen noch nicht da und kommt vielleicht auch 2021 noch nicht beim Konsumenten an. Die Wahrscheinlichkeit ist nun aber deutlich höher, dass es schnell in die richtige Richtung geht und eine echte Legalisierung kommt. War vor Dezember 2020 noch eine Fake-Legalisierung für wenige Konzerne zu befürchten, die an uns vorbeigeht, so steht unser Anliegen nun auf sehr sicheren Füßen. Die kommende Legalisierung wird am Anfang vermutlich noch nicht perfekt sein oder erst mit einer Entkriminalisierung beginnen. Solange wir ein paar Pflanzen anbauen und etwas Marijuana besitzen und verarbeiten dürfen, wäre auch das bereits eine erhebliche Verbesserung unserer Situation.

Während es international bereits weiterging, erlebten wir das Corona-Jahr 2020 also als Stagnation mit Ungewissheit. Jetzt sieht es für die gesamte Legalisierungs-Bewegung deutlich besser aus, doch für viele von uns wird es erst einmal schwierig. Veranstalter können bereits berichten: Wer eine GMM-Demo, eine Messe oder anderes Event veranstaltet, zu dem ein Großteil der Teilnehmer anreist, hat keine Planungssicherheit. Veranstalter größerer Events beginnen immerhin schon lange vor dem Termin mit der Planung und stoßen überall auf Verunsicherung. Die Teilnehmer müssen ihre Anreise und gegebenenfalls Unterkunft planen und häufig auch buchen. Wenn sie befürchten, dass die Veranstaltung wegen eines Lockdowns ausfällt oder verschoben wird, ist die Erstattung des Tickets ein kleiner Trost. Viele nehmen höchstens noch Veranstaltung in ihrer Reichweite mit oder bleiben direkt daheim.

Gerade für Hanfmessen mit hohen fixen Ausgaben wird ein drohender Lockdown zum unternehmerischen Risiko. Sicherlich, die Veranstalter können die Räume und Referenten buchen und die Standplätze verteilen. Sie müssen aber einplanen, dass alles storniert wird und das ganze Geld damit zurückfließt. Die entstandenen Kosten oder der eigene Aufwand sind dennoch weg. Das kann an die Substanz gehen.

Weil solche Veranstaltungen die gesamte Legalisierungs-Bewegung beflügelt, ist diese Unsicherheit leider ein großes Problem. Wir müssen uns aber kaum noch sorgen, die Legalisierung wird uns von Nordamerika überrollen. Wenn dortige Unternehmer bereits richtig verdienen, Europäer jedoch wegen Lockdowns in den Startlöchern verhungern, ist das in der entscheidenden Phase dennoch mehr als nur bedauerlich. Wir wollen immerhin eine heimische beziehungsweise europäische Cannabis-Industrie aufbauen und aktiv am Geschehen teilnehmen.

Veranstalter von weniger kommerziellen Ereignissen versuchten zum Teil, ihre Events ins Internet zu verschieben. Dieses gelang mehr oder weniger gut, teils wurden kaum Leute erreicht. Viele Demo-Teilnehmer gehen eben nicht aus Langeweile, sondern für den Zweck auf die Straße. Sie wollen gesehen werden und die Notwendigkeit zur Veränderung signalisieren. Treffen sich die Leute im Internet, kann das durchaus nett sein. Es werden aber eher diejenigen erreicht, die ohnehin für die Legalisierung sind und der Mainstream wird kaum darüber berichten. Online-Demos haben es also noch schwerer, das Thema in die Öffentlichkeit zu transportieren.

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Vermummung als Auflage

 

Wie wird es weitergehen? Diese Frage ist nicht allein wegen der hoffentlich schnell beschlossenen Legalisierung interessant. Viele Unternehmer fragen sich, ob sie diese Corona-Zeit überstehen. Mit der EU-Entscheidung, dass pflanzliches CBD wie ein Lebensmittel betrachtet werden darf, ist erst einmal Druck vom Kessel entwichen. Viele Hersteller und Einzelhändler sind vom CBD-Verkauf abhängig. Sie bieten häufig auch andere Produkte an. Viele Kunden kommen dennoch wegen CBD und hier sitzt das Geld. Genau deswegen wurde dieser CBD-Verkauf vermutlich scharf angegriffen, um der Legalisierung das Geld abzusaugen. Doch viele laufende Verfahren oder Ermittlungen dürften nun geplatzt sein und die beschlagnahmten Waren gehen hoffentlich noch innerhalb des Verfallsdatums zurück an die Händler.

Wer im Onlinehandel schlecht aufgestellt ist, wird dennoch mit jedem harten Lockdown Zeit und damit Geld verlieren. Die laufenden Kosten müssen immerhin bestritten werden, auch die eigenen Lebenskosten. Wenn die Kunden nicht ins Internet ausweichen, werden auch viele Hersteller ins Schleudern geraten. Zugleich baut sich die Konkurrenz in Nordamerika schneller und schneller auf und droht uns zu überrollen. Dann wird aus dem Unternehmer ein Arbeitnehmer und der Traum vom großen Erfolg ist ausgeträumt.

Viele Geschäftsleute zermartern sich vermutlich schon 2020 das Hirn, wie sie mit dieser Situation fertig werden und unternehmerisch überleben. Sicherlich, wenn der Impfstoff gut funktioniert, ist es in der nächsten kritischen Erkältungsphase im Herbst 2021 bereits ausgestanden. Und wenn dieser Impfstoff nicht richtig funktioniert? Oder die Leute sich nicht impfen lassen?

Wir wissen, wie das Jahr 2020 gelaufen ist. Keiner hätte damit gerechnet und viele werden sich allein an diesem ersten Corona-Jahr noch lange die Zähne ausbeißen. Wir können Prognosen für 2021 aufstellen – für die gesamte und für die persönliche Entwicklung. Was aber letztendlich passiert, steht leider noch in den Sternen. Dennoch bleibt es sinnvoll, die eigene Situation zu erfassen, die Kosten zu begrenzen und für ein schlecht laufendes kommendes Corona-Jahr Notfallpläne aufzustellen.

Wie sieht es denn mit den einfachen Konsumenten aus? In vielen US-Bundesstaaten können diese in ihre Dispensary gehen und sich eindecken. Oder sie nutzen ihre freie Zeit für den Eigenanbau und sparen ordentlich Geld. US-Bürger kiffen sich einfach durch die Krise und kriegen die Zeit gut um. Corona wird zum verlängerten Sofa-Urlaub und als Andenken bleibt einem der grüne Daumen. So schön kann das Leben sein, wenn Cannabis bereits legal ist.

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Den Lockdown wegkiffen

 

In den Niederlanden standen die Kunden hunderte Meter an, um noch in den Coffee-Shop zu kommen. Hier darf jeder Kunde nur fünf Gramm pro Besuch erhalten. In Spanien oder Belgien können sich die Konsumenten immerhin noch in Cannabis Social Clubs selber versorgen und auch in Tschechien ist es lockerer. Im deutschsprachigen Raum saßen hingegen sehr viele Konsumenten rauchfrei im Lockdown. Doch für Drogenfahnder scheint es ein sehr gutes Jahr gewesen zu sein. Immer wieder gibt es Medienberichte über große Funde oder Zugriffe. Während alle daheim sitzen, sind diejenigen, die noch unterwegs sind, umso auffälliger. Wer also rausgeht, um sich mit Cannabis zu versorgen, stellt sich wie auf den Präsentierteller auf und wird zum Leckerbissen der Fahnder. So zumindest die These, die der ein oder andere Leser gewiss bestätigen wird.

Wer im harten Lockdown daheim sitzt, kann immer noch ins Darknet ausweichen. Das werden noch mehr Konsumenten als zuvor notgedrungen machen. Wenn die Drogenfahnder jedoch die großen Player festsetzen und damit den Nachschub abschneiden, wird das seine Auswirkungen bis ins Darknet haben. 2020 war das möglicherweise noch kein großes Problem, vielleicht wird es das aber 2021 oder sogar über Jahre.

Genau deswegen brauchen wir nicht allein die Legalisierung mit Abgabe an Konsumenten, wie sie 2021 vermutlich in Israel kommt. Wir brauchen eine richtige Legalisierung, die uns den Eigenanbau erlaubt. Nur durch Eigenanbau sind wir unabhängig zum Markt oder Lockdown. Können wir nichts kriegen oder bezahlen, gehen eben ein paar Seeds in die Erde und versorgen uns drei Monate später mit Homegrow. Wer mit jeder Ernte etwas dazu lernt, hat schon nach kurzer Zeit perfektes Marijuana und kann es sich gut gehen lassen, ohne zu verarmen. Deswegen ist es sehr bedauerlich, dass diese richtige Legalisierung oder wenigstens eine großzügige Entkriminalisierung nicht bereits 2019 umgesetzt war. Viele von uns müssen diese Corona-Zeit mit schlechter Laune absitzen und das Cannabis-Verbot verfluchen.

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