Kleine Kulturgeschichte des Hanfrauschs

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Cannabis als Ritual- und Freizeitdroge

Text: Markus Berger

Der Hanf wird dort, wo er wild wächst, seit jeher nicht nur als Medizinalpflanze, sondern auch als Rauschdroge verwendet – zuweilen überschneiden sich die Anwendungsgebiete auch. Vermutlich waren es kräuterkundige Schamanen, die als erste herausfanden, dass Hanfblüten und -harz berauschende Eigenschaften aufweisen. Im Laufe der Zeit haben Forscher immer wieder uralte Überreste von Haschisch bzw. THC-reichem Cannabis finden können. So beispielsweise in den 70ern in einem vor über 2000 Jahren gesunkenen Kriegsschiff vor der Westküste Siziliens, in dem britische Wissenschaftler nachweislich Haschisch entdeckt hatten, das sogar noch als Rauschmittel verwendbar war. Die ältesten Beweise für die Verwendung von Cannabis als Rauschdroge fanden sich im Grab eines Schamanen aus dem Kaukasus und in einer Kultstätte in Israel. Das Schamanengrab ist 2700 Jahre alt und Teil einer Begräbnisstätte von Yanghai in China. Archäologen fanden im Grab des Schamanen eine größere Menge stark THC-haltigen Cannabis‘, das dem Toten offenkundig mit auf seinen letzten Weg gegeben worden war. 2020 veröffentlichten Archäologen ihre Untersuchungen von Hanfrückständen aus der Ruine eines judäischen Heiligtums, die auf das Jahr 750 v. Chr. datiert wird. Die Hanfrückstände waren auf einem Altar entdeckt worden und enthielten noch nachweisbare Cannabinoide, so dass von einer damaligen Nutzung des Cannabis als Rauschmittel ausgegangen wird. Auch im chinesischen Pamirgebirge konnten Forscher 2019 mit dem Fund eines 2500 Jahre alten, Cannabis-haltigen Räuchergefäßes einen Nachweis für die frühe Nutzung des Hanfs als Rauschdroge erbringen.

Eigenartigerweise scheint der Rausch in den heutigen modernen Gesellschaften geächtet, obwohl doch ein Großteil der Menschheit schon immer – auch heute noch – den Konsum der verschiedensten Rauschdrogen in seinen Alltag einbettet. Heutzutage ist die Differenzierung von legalen und illegalen Rauschdrogen maßgeblich geworden. Doch die wird von den politisch Verantwortlichen leider nur allzu willkürlich vorgenommen. Wir dürfen nicht vergessen: Was heute in den Geschäften so ganz selbstverständlich an Alkoholischem angeboten wird, war während der Zeit der Alkohol-Prohibition vollkommen undenkbar – denn diese Droge war verboten.

Was resultierte, war dasselbe, wie wir es von Konsumenten anderer illegalisierter Substanzen kennen: Es bildete sich ein Untergrund, ein Schwarzmarkt, ja eine richtige Szene. Und das nur, weil der Alkohol von Gesetzes wegen weder hergestellt, angeboten und verkauft, noch erworben, besessen und genossen werden durfte. Die Parallelen zum Krieg gegen Drogen sind nicht zu übersehen. Basis für alle politischen Entscheidungen waren und sind nicht wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern es ist immer die Willkür, die die Drogengesetze formuliert. Und diese Willkür ist häufig von wirtschaftlichen Interessen gelenkt. Solange die Gesellschaft das nicht verinnerlicht hat, ist jeder Diskurs über Risiken und Vorzüge psychotroper Mittel von Sinnlosigkeit gekrönt. Vor Beginn der Drogenverbote kam z.B. niemand auf die Idee, berauschende und anregende Stoffe pauschal als „Rauschgifte‟ oder, wie in Österreich üblich, als „Suchtgifte“ zu bezeichnen. Die Einnahme von „kleinen Helfern‟ aus dem Arzneischrank oder der Naturapotheke war in der vorprohibitionistischen Vergangenheit keine Seltenheit.

In den spirituellen Traditionen der Welt hat der Hanf oftmals eine Rolle gespielt. Und nicht immer nur als Rauschmittel. So heißt es, dass der Königssohn Siddharta Gautama auf seinem Weg zur Erleuchtung, die ihn zum Buddha werden ließ, jeden Tag nur ein Hanfkorn zu sich genommen hat, um körperlich bei Kräften zu bleiben. Die meisten spirituellen Praktiker verwenden jedoch durchaus den aktiven Hanf, um in veränderte Bewusstseinszustände zu gelangen. So zum Beispiel die Schamanen, Sadhus etc. aus Indien und Nepal und dem angrenzenden asiatischen Raum.

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Das Wort Sadhu kommt aus der indischen Sprache Sanskrit und bedeutet so viel wie heiliger Mann. Dabei handelt es sich um Wanderasketen, die ihr Leben ganz dem Streben nach Erleuchtung gewidmet haben und sowohl Haschisch (Charas) als auch Marihuana (Ganja) wie auch Bhang (siehe Kasten) als Meditationsdroge verwenden. Sadhus haben sich dem hinduistischen Gott Shiva verschrieben, der selbst die kontemplationsfördernde Wirkung des Hanfs entdeckt haben soll. Um Shiva zu huldigen, rauchen Sadhus den der Gottheit geweihten heiligen Hanf.

In Indien und Nepal spielt eine traditionelle Hanfzubereitung namens Bhang eine große Rolle im Schamanismus, aber auch bei Cannabisgenießern. Bei Bhang handelt es sich um einen zumeist stark berauschenden Trank, der aus Hanfblüten und -blättern, Milch, Honig bzw. Zucker und diversen Gewürzen angemischt wird. Zuweilen werden auch weitere, teils stark berauschende Zutaten beigegeben, zum Beispiel Stechapfel, Brechnuss und Opium sowie Butterschmalz (Ghee) und optional verschiedene Nüsse. Unter dem Namen Bhang Goli werden in Indien Kugeln aus Cannabis-Paste angeboten, aus denen sich Bhang herstellen lässt.

Die Sufis verkörpern die mystische Tradition des Islams. Für sie war der Gebrauch von Rauschmitteln ein Vehikel, um zielgerichtet mit Allah in Verbindung zu treten. Im Gegensatz zu den konventionellen Mohammedanern, denen der Genuss von Alkohol untersagt ist, bedienten sich die Sufis unter anderem des Weins als spirituellen Katalysator, aber auch des berauschenden Hanfs. So sagte ein Sufi namens Abdul Guru einst: „Wenn ich Haschisch rauche, ist Allah mein Freund. Nur wenn ich mit Haschisch bete, kommt Allah, sonst nicht. Nur wenn ich rauche, weiß ich, Allah hört meine Gebete, sonst nicht. Nur solange ich rauche, bin ich mit Allah verbunden.“

Die noch recht junge spirituelle Rastafari-Bewegung hat ihren Ursprung auf Jamaika. Rastafari wurde erst in den 1930er Jahren gegründet und versteht sich nicht als organisierte Religion, sondern als dezentralisierte Glaubensgemeinschaft mit christlicher Orientierung. Die Anhänger der Bewegung sind nicht nur für ihre „Rasta-Locken“ bekannt, sondern auch dafür, dass sie psychoaktiven Hanf als Sakrament verwenden. Andere Rauschdrogen lehnen viele Rastafari dagegen ab. Das heilige Kraut – the herb – hilft den Rastafari dabei, den Geist zu beruhigen und besser denken zu können und fördert ihre psychische und physische Gesundheit. Außerdem verbindet es die Gläubigen besser mit Jah, also mit Gott.

Springen wir noch gerade in die Zeit der US-amerikanischen Hippies, der sogenannten Blumenkinder des Summer of Love. Sie waren für ihren Cannabiskonsum wie auch für ihre Vorliebe für potente Psychedelika wie LSD, Meskalin und Psilocybinpilze bekannt. Die 1968 vom ehemaligen Harvard-Professor und späteren psychedelischen Pionier Timothy Leary gegründete „Kirche“ League of Spiritual Discovery nutzte neben LSD und Peyote (psychoaktiver Kaktus, der das Psychedelikum Meskalin enthält) auch Marihuana als Sakrament. Die Blumenkinder haben auch an der Verbreitung des Cannabis als Freizeitdroge teilgehabt, die heute allgegenwärtig ist. Und damit kommen wir zur gegenwärtigen Zeit und einem Phänomen, das sich in den 70ern etabliert hatte und bis heute Bestand hat.

Moderne Cannabiskultur: Hanf-Code 420

Die Zahl 420 (auch 4:20, 4/20) hat sich von den USA ausgehend als internationaler Code für Cannabiskonsum und Cannabiskultur etabliert. Um die Geschichte dahinter ranken sich zahlreiche Mythen, weil die Geschichtsschreibung der Kulturgeschichte des Hanfs den Ursprung lange nicht aufdecken konnte.

Eine Version klingt allerdings plausibel: Demnach war es eine Clique von Schülern der San Rafael High School im nordkalifornischen Marin County, die sogenannte „Waldos“-Gruppe, die im Herbst des Jahres 1971 auf ein grünes Geheimnis stieß. Ein Mitarbeiter der Küstenwache im nahegelegenen Schutzgebiet Point Reyes National Seashore hatte irgendwo in der Nähe seines Arbeitsplatzes Cannabis angepflanzt, konnte sich aber um die Hanfpflanzen nicht mehr selber kümmern. Mithilfe einer „Schatzkarte“, die der Mann angefertigt hatte und die in den Besitz der Schüler gelangt war, suchten die Waldos also nach dem Cannabis. Die Suchaktionen begannen dabei jeweils um 16.20 Uhr, nach US-amerikanischer Zeitrechnung also um 4.20 Uhr nachmittags, wobei sich die Waldos stets an einer auf dem Schulhof befindlichen Statue des französischen Chemikers und Physikers Louis Pasteur trafen. Dort gönnten sich die Pennäler zunächst einige Joints, um schließlich zur etwa 40 Minuten entfernten Halbinsel Point Reyes an der Pazifikküste zu fahren, wo das Cannabis versteckt gewesen sein soll.

Die Jugendlichen hatten das Codewort 420-Luis vereinbart, um sich, ohne Aufsehen zu erregen, zur stets erfolglosen Schatzsuche und später einfach zum Kiffen treffen zu können. So bekamen weder Lehrer noch Eltern Wind davon, was die Gruppe da eigentlich trieb. Irgendwann – die Suche nach dem nebulösen Hanf aus Point Reyes war längst aufgegeben – verkürzte die Gruppe ihr Kennwort für Smoke-ins der Einfachheit halber auf 420. Der persönliche Kontakt eines Waldos zu Bandmitgliedern der Rockgruppe Grateful Dead sorgte außerdem dafür, dass sich der Code der Hanffreunde bald über Marin County hinaus verbreitete.

2012 erzählten die inzwischen deutlich älter gewordenen Waldos der US-amerikanischen Onlinezeitung Huffington Post von ihrer Geschichte, weil sie beweisen wollten, dass es sich wirklich alles so abgespielt hatte. Um zu untermauern, dass der Ursprung des 420-Codes auf ihre Gruppe zurückgeht, machten sich die Männer auf die Suche nach dem fraglichen Mitarbeiter der Küstenwache, der Anfang der 70er das Cannabis angebaut und die entsprechende Schatzkarte angefertigt hatte. Steve Capper, der die Karte auf Umwegen ursprünglich bekommen hatte, konnte nicht mehr bei der Suche helfen, denn er war in den 80ern gestorben.

Im Jahr 2014 gelang es den Waldos dann tatsächlich, den Namen des mysteriösen Hanfgärtners von der Küstenwache herauszufinden. Es handelte sich um den 1948 geborenen Gary Newman. Nach intensiver Detektivarbeit schafften es die Waldos weitere zwei Jahre später, sich mit Newman zu verabreden und die ganze Geschichte zu hören.

Und die ging so: Gary Newman hatte sich 1967 bei der Küstenwache gemeldet. Während er in Point Reyes stationiert gewesen war, kümmerte er sich um den dortigen historischen Leuchtturm. Das fragliche Cannabis hatte Gary Newman ganz in der Nähe des Leuchtturms angepflanzt und gehegt – auch nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst. Doch im Herbst 1971 war Newman bei der Pflege seines Hanfes um ein Haar erwischt worden, woraufhin er die „Schatzkarte“ zum Auffinden des Cannabis entworfen und sie seinen beiden Schwagern Bill und Pat McNulty überlassen hatte. Und von denen gelangte sie schließlich zu Steve Capper von den Waldos. Interessanterweise hatte Newman all die Jahre über nicht mitbekommen, dass er bzw. seine Story die Inspiration für den Kiffer-Code 420 gewesen war.

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