Die „Baustelle“ wird drei Jahre alt!

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Im März 2020 sind es bereits drei Jahre, die das Cannabis-Medizin-Gesetz den Alltag deutscher Cannabispatienten erleichtern soll. Für viele neue und ehemalige Patienten mit Ausnahmegenehmigung ist durch BtM-Rezept und Kostenerstattung wirklich alles besser geworden (siehe dazu auch unseren Artikel „High Noon vor dem Sozialgericht“ in dieser Ausgabe). Ein ganzer Teil der Patienten mit berechtigtem medizinischen Bedarf hängt aber noch immer im Ungewissen, da ihnen dieses Gesetz als „Baustelle“ zur Zumutung wird.

Unsere Politik und auch viele mediale Berichte wollen erklären, dass alles in bester Ordnung sei. Wenn Patienten durch Cannabis besser profitieren als durch alle anderen Medikamente, wäre die Verschreibung und auch Kostenübernahme möglich. Doch weshalb postet Cannabis-Patientin und -Aktivistin Bettina Steinberger in den sozialen Medien, dass sie in ihrer Region in Nordbayern mit Politikern darüber reden möchte, wenn alles in bester Ordnung ist? Wir haben nachgefragt.

Danke erst einmal für deine Zeit. Als erstes interessiert uns, weswegen du dringend Cannabis benötigst, damit wir deine Situation besser verstehen.

Es fing 2013 mit hexenschussartigen Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule an. Nach mehreren Untersuchungen stellte sich heraus, dass es eine Verschleißerscheinung durch zu viel Sport ist. Medikamente wie Oxycodon vertrage ich so gut wie gar nicht aufgrund der starken Nebenwirkungen. Die einzige Nebenwirkung von Cannabis ist, dass auch meine schwere Depression etwas nachlässt und ich wieder besser schlafe.

Würde es denn keine anderen zumutbaren Behandlungsmethoden für deine Leiden geben?

Es gäbe tatsächlich die Möglichkeit einer Operation. Man könnte mir die Wirbelsäule versteifen. Bis auf einen Arzt haben mir alle anderen Ärzte davon abgeraten, insbesondere alle Orthopäden, da der Eingriff nicht risikolos ist. Es besteht die Gefahr einer dauerhaften Lähmung. Das Risiko ist mir zu groß.

Du hast bereits im Vorgespräch erwähnt, dass du etwas abgelegen wohnst und dass dein Leben ohne Führerschein nicht funktioniert. Kommt da kein Konflikt mit deiner täglichen Cannabismedizin auf?

Bisher nicht. Zwar wurde mein Medikament einmal beschlagnahmt, jedoch bekam ich es direkt am nächsten Morgen zurück. Laut Gesetz darf ich am Straßenverkehr teilnehmen, solange ich fahrtüchtig bin. Da mein Cannabis nicht sehr viel THC enthält, bin ich durch die relativ geringe Dosis, die ich benötige, nicht berauscht.

Du lebst mit deiner Familie in Nordbayern auf dem Land, Cannabis ist vermutlich verpönt. Im März 2017 trat endlich das deutsche Gesetz zum Umgang mit Cannabis als Medizin in Kraft. Wie lange hat es gedauert, bis du beim Arzt warst?

Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis ich mich überwunden hatte. Ich rief zuerst sämtliche Ärzte in der Umgebung an, doch alle standen Cannabis äußerst feindselig gegenüber. Einige haben Angst, gesetzlich Probleme zu bekommen, anderen ist der Verwaltungsaufwand zu hoch.

Das Thema ist gerade unter Medizinern stigmatisiert. Wie hast du deinem Arzt erklärt, dass du Cannabis als Medizin benötigst?

Da ich schon vorher wusste, dass dieser Arzt Cannabis verschreibt, musste ich ihm lediglich meine Krankengeschichte darlegen. Selbstverständlich durch Dokumente belegt, die ich schon bei meinem ersten Termin dabei hatte. Wir besprachen, welche Sorte Cannabis für mich geeignet wäre, und ich bekam ein Privatrezept.

Du bekommst also ein BtM-Rezept und kannst Cannabis in der Apotheke holen. Damit wären doch all deine Probleme bereits gelöst.

Das Cannabis in der Apotheke ist sehr teuer. Für jemanden, der krankheitsbedingt Hartz IV bezieht, ist es fast unmöglich. Es häufen sich Schuldenberge bei Familie und Freunden. Die Schmerzen sind so unerträglich, dass alles andere weniger schlimm erscheint. Je nach verschriebener Dosis sprechen wir hier von 300 bis 1000 Euro pro Monat.

Du sagst, dass du medizinisch unterversorgt bist. Wenn du offensichtlich von Cannabis als Medikament profitierst, weswegen werden die Kosten von deiner Krankenkasse nicht übernommen?

Ja, das ist richtig, die verschriebene Dosis kann ich mir nicht leisten. Der Antrag wurde abgelehnt, weil befürchtet wird, dass ich aufgrund meiner psychischen Vorerkrankungen suchtgefährdet wäre. Ein Gutachten meines Psychologen, dass dem nicht so ist, reicht dem MDK nicht aus. Er besteht auf einem Gutachten von einem Psychiater, der mich noch nie gesehen hat.

Rein hypothetisch nachgedacht, du würdest plötzlich kein Cannabis als Medizin mehr erhalten, wie würde dein Leben aussehen?

Das will ich mir nicht vorstellen. Ich weiß nicht, ob ich das aushalten würde. Ich hätte täglich die schlimmsten Schmerzen, käme ohne Hilfe teilweise nicht mehr zur Toilette, könnte meine Kinder und den Haushalt nicht mehr versorgen. Und mein eigentliches Ziel, wieder arbeiten zu gehen, wäre komplett gestorben.

Ebenfalls rein hypothetisch überlegt, Cannabis würde in jedem Garten wachsen und jeder hätte genug. Wie würde dein Leben damit aussehen?

Ich wüsste nicht recht, wie ich mich zurechtfinden würde. In der Apotheke bekomme ich genau die Wirkstoffe, die ich brauche. Mein Arzt hatte mir für Schmerzattacken zusätzlich ein Cannabis mit hohem THC-Gehalt aufgeschrieben, jedoch schlug mir das derart auf die Psyche, dass ich mir das nicht mehr verschreiben ließ. Wie das dann mit Pflanzen oder Samen aussehen könnte, weiß ich nicht. Ansonsten wäre das natürlich eine tolle preisgünstige Lösung.

Deinem Post auf Facebook entnehme ich, dass du nur eine Patientin im Dilemma bist. Gibt es viele Patienten, die ohne Kostenübernahme unterversorgt sind?

Ja, das ist leider so. Ich lese sehr viele Posts, beschäftige mich seit einem Jahr sehr intensiv mit dem Thema als Medizin, dessen Gesetzgebung und auch der praktischen Umsetzung in allen Bereichen. Es gibt Probleme bei der Arztsuche, bei der Kostenübernahme, bei Verkehrskontrollen und teilweise auch bei Arbeitgebern. Es muss viel nachgebessert werden im Sinne von Patienten und Ärzten. Es braucht auch mehr Aufklärung für Ärzte und Polizei. Am besten wäre ein einheitliches Dokument, das jemanden als Cannabispatient ausweist.

Es gibt vermutlich auch viele Patienten, die anbauen oder auf dem Schwarzmarkt kaufen. Du könntest im Ernstfall vor Gericht sogar auf medizinischen Notstand plädieren. Wäre das eine Möglichkeit?

Für mich nicht. Ich habe zwei Kinder und bin zwingend auf den Führerschein angewiesen. Solange ich Cannabis vom Schwarzmarkt vermeiden kann, werde ich das auch tun. Ich hoffe, dass der Leidensdruck im Ernstfall nicht zu hoch wird. Ansonsten werde ich wohl kriminell. Das würde meine beruflichen Ziele, mit Kindern zu arbeiten, ebenfalls zunichtemachen.

Du erklärst, dass es viele bürokratische Schritte sind, um das erste BtM-Rezept oder auch die Kostenübernahme zu erhalten. Sind diese Hürden für schwerkranke Menschen eine Zumutung, die sie kriminalisiert?

Also, dass man austherapiert sein muss, bevor man Cannabis verschrieben bekommen darf, halte ich für die größte Zumutung. Ich muss also erst alle Instanzen von Therapien durchlaufen und teils jahrelang über mich ergehen lassen, damit ich endlich das bekomme, was wirklich hilft, lindert und den Alltag überhaupt erst erträglich macht. Ohne sich zu informieren, in alle Richtungen und grundlegend, sollte man noch gar nicht zum Arzt gehen. Das ist unglaublich kräftezehrend, wenn man schon Probleme mit dem normalen Alltag hat.

Viele Cannabispatienten laufen von Arzt zu Arzt, da kein Mediziner zu einem verrufenen Cannabisarzt werden will. Gegen eine „Sterbebegleitung“ ihrer Patienten mit organschädigenden und unzumutbaren Medikamenten spricht hingegen nichts. Wieso ist das so?

Viele Ärzte haben Angst vor der Staatsanwaltschaft, stehen oft auch schon ganz offen unter Beobachtung. Die Kapazitäten der Praxen reichen oft auch nicht aus. Erzählt ein Patient, wer der Arzt ist, wird der Arzt relativ zügig mit Patientenanfragen bombardiert. Einige Apotheken gehen schon nicht mehr ans normale Telefon oder haben eine Cannabis-Hotline. Man fühlt sich wie im Irrenhaus, weil das alles keinen Sinn ergibt.

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Was würdest du dir als Patientin in dieser Situation wünschen?

Ich wünsche mir, nicht kriminalisiert zu werden und dass die Vorschriften zu Cannabis als Medizin nochmal gehörig überarbeitet und gelockert werden. Alle Patientenberichte sprechen dieselbe Sprache. Immer mehr Ärzte und auch Gesetzeshüter und Juristen sind von der positiven Wirkung überzeugt. Ich wünsche mir, dass der Mensch und seine Bedürfnisse über wirtschaftlichen Interessen steht.

Im Dezember 2018 bekamst du dein erstes BtM-Rezept für Cannabis. Im Februar 2020 entscheidet ein Gutachten, ob deine Kostenübernahme durchkommt. Mit Pech rennst du diesem Schreiben noch Jahre hinterher. Gibt es keine juristischen Möglichkeiten?

Erst nachdem das Widerspruchsverfahren durch ist, kann ich in die nächste Instanz, also vor das Sozialgericht ziehen. Das werde ich bei einer Ablehnung auch tun.

Was könnten unsere Leser im Kampf um ihr BtM-Rezept und eine Kostenübernahme besser machen?

Sich zuerst über wirklich alle Möglichkeiten und die Gesetzgebung sowie den Ablauf der Beantragung informieren. Zeitnah alle Facharzttermine holen, da man hier besonders lange Wartezeiten hat. Steht der Arzt nicht hinter Cannabis, zieht es sich um Monate länger. Helfen kann auch der VdK, ein Sozialverband, der in solchen Fragen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Was versprichst du dir von Gesprächen mit Politikern aus deiner Region?

Ein Gespräch habe ich bereits geführt und ich habe auf notwendige Nachbesserungen für das Gesetz über Cannabis als Medizin hingewiesen. In welchen Bereichen die verschiedensten Patienten Probleme haben. Das Anliegen wurde meiner Einschätzung nach ernstgenommen und soll auch, laut Aussage des Politikers, seinen Weg in den deutschen Bundestag finden. Es bleibt also immer irgendwie ein bisschen Resthoffnung zurück.

Das freut uns zu hören. Wir bedanken uns bei dir, Bettina, für diesen Einblick in den normalen Alltag vieler Patienten und wünschen dir bei deinen Anliegen viel Glück.

Das Gesetz zu Cannabis als Medizin hat wirklich für viele Patienten alles deutlich verbessert, einige wären vielleicht schon tot. Doch ein nicht gerade kleiner Teil bedürftiger Patienten steht vor dieser Baustelle wie vor einer Wand und kommt nicht weiter. Wir hoffen, dass es keine weiteren drei Jahre dauert, bis Patienten mit berechtigtem medizinischen Anliegen nicht nur ihr Cannabis in genügender Menge, sondern auch die entscheidende Kostenübernahme erhalten.

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