Reggae - Rastas und das heilige Kraut

Soft Secrets
27 Jun 2021
Reggae ist für viele Menschen mit dem Klischee von Palmen-gesäumten Karibikstränden und fröhlich kiffenden Rastas verbunden. Bob Marley ist nach wie vor DER Vertreter dieser Musikrichtung und steht gleichzeitig auch für die Rastafari-Religion, die Cannabis (Ganja) als "heiliges Kraut" verehrt. Und viel mehr wissen die Meisten gar nicht darüber.
Reggae und Rastafari scheinen heutzutage untrennbar miteinander verbunden zu sein, denn diese Musikrichtung hat ihre eigene Religion - und die ist noch gar nicht so alt. Sie entstand in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Jamaikaner Marcus Garvey verkündete: "Look to Africa, where a black King shall be crowned, for the day of deliverance is near." (Schaut nach Afrika, wo ein schwarzer König inthronisiert werden wird, denn der Tag der Erlösung ist nahe.) Marcus Garvey gilt als Initiator des "Back To Africa Movement", dessen erklärtes Ziel es war, die Nachfahren der AfrikanerInnen, die als Sklaven in die Karibik verschleppt wurden, zurück in ihre ursprüngliche Heimat zu bringen. In diesem Zusammenhang spielte Äthiopien eine herausragende Rolle, da es im Gegensatz zum Rest des Kontinents nie von einer ausländischen Macht kolonisiert wurde und somit eine große symbolische Bedeutung für die afrikanische Identität besitzt. 1930 wurde dann Ras Tafari zum Kaiser von Äthiopien erklärt und erhielt einige Monate später von seinen jamaikanischen Jüngern den Namen Haile Selassie (Macht der Dreifaltigkeit). Bald wurde der neue äthiopische Kaiser von seinen Anhängern als Gott auf Erden betrachtet, die Gläubigen nannten sich selbst Rastafaris - in Anlehnung an den bürgerlichen Namen des äthiopischen Kaisers. Die neue Religionsgemeinschaft führt ihre Geschichte auf den israelischen Stamm Juda zurück und glaubt, das von Gott auserwählte Volk zu sein. Ras Tafari/Haile Selassie gilt ihnen als direkter Nachkomme des biblischen Königs Salomon und der Königin Saba. Nach der Krönung des äthiopischen Kaisers wurde Marcus Garveys panafrikanische Botschaft mit christlichem Fundamentalismus und der Kultur hinduistischer Saddhus vermischt. Die Religion der Rastafari entstand. Diese kultivierten zudem eine ganz besondere Art des Bongo-Trommelns, dessen Rhythmus angeblich dem des Herzschlages entspricht und der bis heute in beinahe allen Reggae-Stücken zu finden ist. Dieser Trommelrhythmus sowie der "Mento" (eine Art karibischer Volksmusik der 40er bzw. 50er Jahre) beeinflussten den späteren Reggae entscheidend. Einen nicht minder bedeutsamen Einfluss hatte die Ska-Musik der frühen 60er Jahre, denn sie war sehr populär in der jamaikanischen Musikszene. Als herausragende Vertreter des Ska's sind vor allem Laurel Aitken, Prince Buster und Justin Hinds zu nennen. Ska wurde nicht nur bei den jamaikanischen Hooligans (den sogenannten "Rude Boys") sehr populär, sondern auch in der englischen Skinheadszene. Bis heute erfreut sich auch Ska-Musik anhaltender Beliebtheit, ohne dabei zum Mainstream zu mutieren. Reggae, Rastas und das heilige Kraut Mitte der 60er Jahre wurde das Ska-Tempo etwas gedrosselt und eine Frühform des Reggaes entstand: Rockstaedy. 1968 landete Desmond Dekker mit seinem Song "Israelites" einen internationalen Hit, doch den ganz großen internationalen Durchbruch schaffte er nicht, trotz seiner Nummer 1 in den englischen Charts. Dafür wurde fünf Jahre später Bob Marley mit seinem Album "Catch A Fire" zu einem internationalen Superstar, der den Reggae fortan weltweit bekannt machte. Und den dazugehörigen Glauben. Und dicke Joints. "Wenn du Gras rauchst, zeigt sich dir dein wahres Gesicht. Alles Böse, was du tust, kommt zum Vorschein. Gras ist dein Gewissen und gibt dir ein ehrliches Bild von dir selbst" erklärte Bob Marley schon im September 1980 in einem Interview. Einer anderen Form des Reggaes sagt man nach, dass ihre ganze Entstehung THC-inspiriert war: Die Rede ist von Dub. In den 60er Jahren waren Dubs (oder Dub-Plates) ursprünglich die Instrumentalversionen von Reggae-Tracks auf den B-Seiten jamaikanischer Vinyl-Singles. DJ's und Sänger nutzten sie, um sie neu zu besingen oder zu betexten. Die einflussreichsten Dub-Künstler waren King Tubby und Lee Scratch Perry, die in ihren Titeln auch beharrlich eine Legalisierung von Cannabis forderten. In den späten 70er Jahren entwickelte sich der Reggae aufgrund politischer Unruhen in Jamaika weiter und diente bald nicht mehr nur der puren Unterhaltung, sondern wurde zum Sprachrohr der Unterdrückten und damit gefährlich. Reggae-Künstler, die in ihren Texten zu offensiv Sozial- bzw. Gesellschaftskritik übten, schwebten in Lebensgefahr. Vorherrschende Themen in den Texten waren nun wieder die Rückkehr nach Afrika und die Erlösung von babylonischer Gefangenschaft. Reggae bekam eine neue kulturelle Identität und übernahm als kollektiver Ausdruck des Leidens auch eine soziale Funktion. Reggae, Rastas und das heilige Kraut Die mittlerweile erstarkte Religion der Rastafari hatte die Reggae-Musik nun erfolgreich vereinnahmt und seitdem werden Reggae und Rasta von vielen als Einheit verstanden. Denn der Reggae dient tatsächlich als Vermittler der Rastafari-Religion, die eine Veränderung ungerechter Gesellschaftssysteme zum Ziel hat. Ganz ohne Gewalt. Die immer wieder besungene "Revolution" soll eine geistige, eine spirituelle sein. Ziel der Rastas ist der Dialog zwischen den einzelnen Völkern und das damit verbundene Überwinden von jeglichem Rassismus. Während die frühen Rastas den Ausgrenzungsgedanken Garveys weiterführten, gibt es heute durchaus auch "Brothers", die davon ausgehen, dass auch weiße Menschen die Möglichkeit zur Erlösung haben - wenn sie sich denn von Babylon abwenden. Babylon steht für die westliche Zivilisation und gilt den Rastafaris als Symbol der Unterdrückung ihrer afrikanischen Brüder und Schwestern. Das traditionelle Leben der Rastas ist von drei Sachen geprägt: 1.) den unbehandelten Haaren (Dreadlocks) 2.) dem I-tal food (natürliches Essen) 3.) da holy herb (Ganja/Cannabis) Rastas sind sehr religiöse Menschen, die ihr Wissen aus der Bibel beziehen. Hier glauben sie die Wurzeln ihrer wahren (afrikanischen) Identität zu finden, denn sie gehen davon aus, dass viele in der Bibel erwähnten Menschen (z. B. Moses & Salomon) Schwarzafrikaner waren. Regelmäßig werden sogenannte Reasonings (Bibelstudien) abgehalten, bei denen das Rauchen von Cannabis ein wichtiger Bestandteil ist. Und so hat Hanf für die Rastafaris viele Namen, er wird z.B. Ganja, Kaya, Iley oder Callie genannt. Den Gebrauch des heiligen Krauts leiten sie aus der Bibel ab, wo sinngemäß steht, dass Gott Kräuter erschuf, die der Mensch nutzen solle. Außerdem wird behauptet, dass Ganja bereits auf dem Grab Salomons wuchs. Das "Weed Of Wisdom" spielt außerdem eine wichtige Rolle bei der religiösen Meditation der Rastas: "Für die Brüder ist Ganja der mystische Leib und das Blut von Jesus. Es ist ein Brandopfer für Gott, aus Feuer gemacht, welches den einzelnen sehen und den 'lebendigen Gott' oder den 'Gott-im-Menschen' erkennen lässt." (zitiert nach Prof. Dennis Forsythe, Autor von "Rastafari - For the Healing of the Nation") Dabei gilt Ganja nicht nur als meditatives Genussmittel, sondern gar als Universalmedizin. Schon Peter Tosh besang seine umfassende Wirkung als Arznei in "Legalize It" ebenso wie Lee Scratch Perry in "Free Up The Weed". Dabei rauchen Rastas das Ganja nicht nur, sondern brühen auch mal Tee oder essen davon. Sie kennen und benutzen traditionell viele verschiedene Kräuter, aber Cannabis ist das wichtigste und mit Abstand populärste von allen. Das Ritual des Herumreichens der Pfeife (der Chalice) gehört zur Verehrung Jahs (Gott) und ist das Rasta-Pendant zum christlichen Ritual des Herumreichen eines Weinkelches. Doch wie war der Hanf in die Einflusssphäre der kolonisierenden Christenheit geraten? Als die Sklaverei im 19. Jahrhundert abgeschafft wurde, kamen auch indische Arbeiter auf die Zuckerrohrplantagen der europäischen Landherren. Diese Arbeiter brachten den Hanf, der im Hinduismus eine wichtige Rolle spielt, mit nach Jamaika und begannen, ihn dort zu kultivieren. Cannabis spielte in der indischen Heilkunst bereits seit Jahrtausenden eine bedeutsame Rolle. Die karibischen Nachkommen der afrikanischen Sklaven übernahmen mit der Zeit den rituellen Hanfgebrauch von den Hindus. So benutzen die Rastas bis heute auch spezifische Bezeichnungen, die ihren Sprachursprung in der indischen Kultur haben - so beispielsweise Ganja für Cannabis oder Chillum für Tonpfeife. Reggae, Rastas und das heilige Kraut Der mit der Zeit auch wild wachsende Hanf galt als billige Alternative zum Rum. Er wurde für die Rastafaris zum Symbol der "weißen Angst" vor der "schwarzen Mehrheit". Denn die Gesetze zum Hanfkonsum und -handel wurden drastisch verschärft und so war Jamaika eines der ersten Länder weltweit, in dem der Anbau und die Einfuhr von Cannabis verboten wurde. Aus der Sicht der Rastas bekämpfen die westlichen Mächte den Cannabiskonsum, weil es der Hanf ermöglicht, sich der Gehirnwäsche des Kolonialsystems zu entziehen. So ist der Cannabisanbau trotz Verbot ein wichtiger Zweig in der jamaikanischen Landwirtschaft. Daher müssen die Hanfbauern aber immer wieder mit Polizeirazzien oder dem Niederbrennen ihrer Felder durch die Staatsmacht leben. Es ist immer noch illegal in Jamaika in der Öffentlichkeit Cannabis zu rauchen, aber der Besitz wurde entkriminalisiert und wird jetzt nur noch mit einer Geldstrafe von 500 jamaikanischen Dollar bestraft. Aber ein Rasta unterwirft sich eh nur Gottes Gesetz und zerstört sich nicht mit Drogen - ganz egal, ob legal oder illegal. Cannabis stellt hierbei die einzige Ausnahme dar, da es als gottgegebenes Geschenk betrachtet wird, welches der meditativen Erkenntnis dient. Es gilt als Alternative zur destruktiven "weißen Medizin", da es nicht wie Alkohol, Kokain oder Crack zu Gewalttätigkeiten oder Unruhen führt, sondern den Menschen hilft, zur Ruhe und in eine meditative Stimmung zu gelangen. Und so wird das "Holy Weed" im Reggae oft gepriesen - wie zum Beispiel bei Rita Marley in "I Want To Get High, So High". Die Glorifizierung von Ganja als Teil der Rastafari-Religion prägte nicht nur den Reggae der 70er Jahre, sondern ist bis heute so erhalten geblieben. Dennoch ist es kein ausgesprochenes Muss Ganja zu rauchen. Es gibt sogar Rastas, die auch Alkohol trinken oder Tabak rauchen. Die Bandbreite ist sehr groß und lässt keine Verallgemeinerungen zu. Nach dem Tod Bob Marleys im Jahre 1981 verwandelte sich die Religiosität auf Jamaika zu einem neuen Selbstbewusstsein, das von zunehmendem Materialismus geprägt wurde. Jeder wollte jetzt auch ein Stück vom Reggae-Kuchen - und zwar ein möglichst großes. Nun sind Markenklamotten, teurer Schmuck und schnelle Autos angesagt. Im neu entstandenen Dancehall waren daher sozialkritische Themen und die vorherige Spiritualität des Reggaes kaum noch enthalten. Die jamaikanische Identität schien verloren, stark beeinflusst vom amerikanischen Hip-Hop beschränkten sich die meisten Dancehall-Texte zunehmend auf Drogen, Sex, Gewalt, Machismo und Schwulenfeindlichkeit - siehe Sean Paul oder Beenie Man. Und auch im neuen Jahrtausend haben sich die "Dancehall-Tunes" inhaltlich nicht groß verändert. Drogen sind ausschließlich ein Hilfsmittel zum Abfeiern oder um Frauen aufzureißen. Eine Religiosität wie im Roots-Reggae spielt dabei keine Rolle mehr. So toastete Sean Paul: "Gimme The Light is a party tune, it’s about weed and drinking and going out, spending money..." Bald eroberte der noch stärker vom US-amerikanischen Hip Hop beeinflusste Raggamuffin die internationale Musikindustrie. Als Raggamuffins (Straßenjungs)  bezeichneten sich die besitzlosen Ghettobewohner selbst und ihre Texte waren zumeist von sexuellen und homophoben Inhalten geprägt. Der Gebrauch und die Glorifizierung von Cannabis wurde jedoch von den meisten Dancehall-, Raggamuffin- und Reggae-Artists geteilt. "Weniger Stress, weniger harte Drogen. Es handelt sich um ein natürliches Produkt und ist somit harmlos" erklärte beispielsweise Eek A Mouse. Und auch Sizzla preist die Hanfpflanze in "Yes, I Get High" und weist den Zuhörer in „Stay Clean“ an, keine anderen Drogen neben Cannabis zu verehren. Und das ist immer noch ein guter Tipp.
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