Der Amerikaner, der die europäische Cannabislandschaft verändert
Interview mit Alex Rogers, CEO und Gründer der International Cannabis Business Conference
Wann haben Sie sich in den Vereinigten Staaten im Bereich Cannabis-Aktivismus engagiert?
Ich war mein gesamtes Erwachsenenleben lang ein engagierter Cannabis-Aktivist und habe mich stets für eine vernünftige Cannabispolitik eingesetzt. Mein formeller Einstieg erfolgte 1996 während der Wahl in Kalifornien. Ich war ehrenamtlich Teil der erfolgreichen Proposition-215-Kampagne, durch die Cannabis für medizinische Zwecke legalisiert wurde. Es war die erste erfolgreiche medizinische Cannabis-Initiative in der Geschichte der Vereinigten Staaten, und ich war stolz, daran beteiligt gewesen zu sein.
Später unterstützte ich weitere Reformbemühungen in den USA, darunter Oregons erfolgreiche Initiative zur Legalisierung von Cannabis für Erwachsene im Jahr 2014. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig strategische Organisation, klare Kommunikation und gesellschaftliche Mehrheiten für nachhaltige politische Veränderungen sind.
Wann haben Sie sich in Europa für Cannabis engagiert?
2016 kam ich nach Deutschland, nachdem ich beschlossen hatte, die ICBC in Berlin zu veranstalten. In diesem Zusammenhang lernte ich Georg Wurth und Micha Knodt kennen. Zu dieser Zeit arbeiteten wir gemeinsam daran, die Legalisierung in Deutschland voranzubringen.
Sie unterstützten mich nicht nur beim https://internationalcbc.com/berlin/, sondern vermittelten mir auch ein klares Bild des politischen Status quo und der notwendigen Reformschritte. Dieser Austausch half mir, die strukturellen Besonderheiten der europäischen Cannabispolitik besser zu verstehen.
Welche Strategien aus den USA konnten Sie in Europa anwenden?
Ich bin überzeugt, dass Reformarbeit eine Kombination verschiedener Strategien erfordert, da jede Region eigene politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen hat. Eine universelle Konstante ist jedoch der Einsatz von Daten. Zahlen sind objektiv und für Entscheidungsträger besonders überzeugend.
Wie in den USA helfen auch in Europa Daten aus legalen Märkten in Nordamerika und Uruguay dabei zu belegen, dass Reformen funktionieren. Wenn Gesetzgeber sehen, dass Legalisierung nicht zu erheblichen Anstiegen beim Jugendkonsum führt, dass die Branche wirtschaftliche Impulse setzt und dass durch das Ende einer gescheiterten Prohibition staatliche Mittel eingespart werden können, verändert das die Diskussion nachhaltig.
Ebenso wirkungsvoll ist es, Menschen zusammenzubringen. Wenn politische Entscheidungsträger, Aktivisten und Branchenvertreter unter einem Dach zusammentreffen, entstehen produktive Gespräche und neue Lösungsansätze. Veranstaltungen fördern Austausch und Zusammenarbeit. Alle drei Gruppen spielen eine zentrale Rolle bei der Modernisierung der Cannabispolitik – sowohl in Europa als auch in den USA. Ihre Vernetzung ist entscheidend für Reformen, und ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, bis die weltweite Prohibition überwunden ist.
Wie ist der aktuelle Stand der europäischen Cannabispolitik und welche Märkte sind führend?
Das Zusammenspiel zwischen der Europäischen Union und den Nationalstaaten ähnelt dem Verhältnis zwischen der US-Bundesregierung und einzelnen Bundesstaaten. So wie der Freizeit-Cannabishandel auf Bundesebene in den USA weiterhin untersagt ist, ist auch auf EU-Ebene der kommerzielle Markt für Erwachsene aufgrund bestehender Vereinbarungen stark eingeschränkt.
Zulässig sind jedoch begrenzte Pilotprojekte zu Forschungszwecken sowie nicht-kommerzielle Anbauvereinigungen, häufig als Social Clubs bezeichnet. Regionale Pilotprogramme für den Freizeitmarkt laufen in Teilen der Niederlande und der Schweiz und sollen künftig auch in Deutschland starten. Anbauvereinigungen sind bereits in Malta und Deutschland aktiv.
Länder mit reformierter Politik legen besonderen Wert auf persönliche Freiheit und medizinisches Cannabis. Der private Eigenanbau ist ein zentraler Bestandteil der Legalisierung. Malta, Luxemburg, Deutschland und Tschechien erlauben Erwachsenen den Anbau kleiner Mengen in privaten Räumen. Das stärkt zugleich den Markt für Produkte und Dienstleistungen rund um den Heim-Anbau.
Medizinisches Cannabis ist in weiten Teilen Europas etabliert. Deutschland ist der führende Markt auf dem Kontinent. Neben der eigenen Produktion importierte Deutschland in den ersten drei Quartalen 2025 über 142 Tonnen medizinischer Cannabisprodukte aus dem Ausland – ein deutliches Zeichen für die Marktdynamik.
Welche aufstrebenden Märkte sollte die internationale Branche beobachten?
Ein besonders interessanter Markt ist Slowenien. Dort wurde im vergangenen Jahr ein fortschrittliches Gesetz zur Legalisierung von medizinischem Cannabis verabschiedet. Die konkreten Regelungen werden derzeit ausgearbeitet, doch sobald der Rahmen vollständig umgesetzt ist, dürfte Slowenien zu einem wichtigen Standort für medizinische Cannabis-Aktivitäten werden – insbesondere im Bereich Forschung und Entwicklung.
Das gilt nicht nur für Europa. Viele international erfolgreiche Produkte anderer Industriezweige wurden ursprünglich in Slowenien entwickelt, auch im medizinischen Bereich außerhalb von Cannabis. Die wissenschaftliche Infrastruktur des Landes macht es zu einem hervorragenden Standort für Innovation. Unternehmer und Investoren sollten daher frühzeitig Kontakte knüpfen, um Kooperationen aufzubauen.
Wo sehen Sie Europa in fünf Jahren?
Die kommenden fünf Jahre werden für Europa entscheidend sein. Die Zahl der Länder mit legalem Cannabis für Erwachsene dürfte steigen, und die medizinischen Märkte werden weiter wachsen.
Ich hoffe zudem, dass EU-Vereinbarungen modernisiert werden, sodass nationale Märkte für Erwachsene möglich werden, ähnlich wie in Kanada. Wenn einzelne Länder keinen Freizeitmarkt einführen möchten, ist das ihre Entscheidung. Sie sollten jedoch nicht andere Staaten daran hindern, progressive Politik umzusetzen.
Darüber hinaus wird die europäische Cannabisbranche stärker in den globalen Markt integriert sein. Mit der geplanten Neueinstufung von Cannabis in den USA werden transatlantische Kooperationen im medizinischen Bereich zunehmen. Reformgegner versuchen zwar weiterhin, Fortschritte zu bremsen, doch langfristig wird sich zeigen, dass die Prohibition eine gescheiterte und schädliche Politik war, und dass ihre Überwindung unvermeidlich ist.