Vom Psychonauten zum Haschsüchtigen

Cannabis-Kultur und -Mythen im Spiegel der Zeit
Über kaum eine Substanz oder Pflanze ist soviel berichtet und geschrieben worden wie über Cannabis. Dabei könnte die Kontroverse nicht zweischneidiger sein; für die einen ist Cannabis eine Offenbarung, eine wirksame Medizin und eine Wunderpflanze, für die anderen ein Verderber der Jugend, ein Rausch- und Suchtgift, ein zu Recht illegalisiertes Gewächs, das ausgerottet gehört. Wir betrachten im Folgenden die beiden Pole, anderen Enden sich die Geister scheiden, anhand von interessanten und selten diskutierten Textstellen. Schon die frühen Psychonauten haben von Cannabis berichtet, meist über ihren Konsum von Haschisch, dass früher eher gegessen als geraucht wurde. So beispielsweise Charles Baudelaire, dessen Buch "Die künstlichen Paradiese" von des Autors Erfahrungen mit dem Hanfharz berichtet, die aber nicht immer nur göttlich gewesen und von Baudelaire auch kritisch hinterfragt worden waren. Der Autor vermittelt hier echtes Insiderwissen: "Da liegt die Droge vor euren Augen: ein wenig grüne Konfitüre, ein etwa nußgroßes Stück, wunderlich duftend, und zwar so stark, daß sie einen gewissen Widerwillen und Anwandlungen von Übelkeit aufkommen läßt, wie dies übrigens jeder auserlesene und selbst angenehme, zu seiner größten Stärke verdichtete Duft tun würde. (...) Hier liegt also das Glück! Es füllt nur einen Kaffeelöffel aus! Das Glück mit all seinen Trunkenheiten, all seinen Verrücktheiten, all seinen Kindereien! Ihr könnt die Droge ohne Furcht hinunterschlucken. Man stirbt nicht daran. Euer Organismus wird dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Später vielleicht, wenn ihr dem Zaubermittel zu häufig zusprecht, wird es eure Willensstärke vermindern, vielleicht werdet ihr dann weniger Mensch sein als jetzt. Aber die Bestrafung liegt in so weiter Ferne, und das künftige Mißgeschick ist von so schwer zu beschreibender Natur! Was setzt ihr aufs Spiel? Morgen werdet ihr ein wenig nervöse Müdigkeit verspüren. Riskiert ihr nicht jeden Tag härtere Strafen für geringere Belohnungen? Also, abgemacht! Ihr habt, um eurer Dosis mehr Kraft und Wirksamkeit zu verleihen, den fetten Extrakt in einer Tasse schwarzen Kaffees aufgelöst. Ihr habt für einen leeren Magen gesorgt und die Hauptmahlzeit auf neun oder zehn Uhr abends verlegt, damit das Gift uneingeschränkt wirken kann. Frühestens in einer Stunde werdet ihr eine leichte Suppe zu euch nehmen. Nun seid ihr für eine lange und sonderbare Reise genügend ausgerüstet. Der Dampf ist entwichen, die Segel sind gerichtet, und ihr habt vor den gewöhnlichen Reisenden den Vorteil voraus, nicht zu wissen, wohin ihr fahrt. Ihr habt es so gewollt!" Der US-Amerikaner Fitz Hugh Ludlow hatte schon als 20-Jähriger sein Buch "Der Haschisch-Esser" geschrieben und darin ebenfalls seine eigenen Erlebnisse mit dem Cannabisprodukt dokumentiert. Und die waren gar nicht immer nur schön – im Gegenteil. Ludlows erste Haschisch-Erfahrung war ein waschechter Horrortrip, nach dem er sich geschworen hatte, diese Droge nie wieder zu probieren. Allerdings handelte es sich im Fall von Fitz Hugh Ludlow und dem Haschisch um eine ambivalente Hassliebe, weshalb er das Cannabisharz mal als höllisches Kraut und mal als Arkanum bezeichnete. Trotz aller auch negativen Erfahrungen, die er mit Haschisch gemacht hatte, war Ludlow unterm Strich doch immer neutral geblieben, was den heutigen Protagonisten der Hanfgegner-Szene nicht häufig gelingen mag: "Ungleich allen anderen Stimuli, die mir bekannt sind, verlangt Haschisch nicht, dass bei fortdauerndem Genuss die Dosis erhöht wird, vielmehr ist eine Verminderung angezeigt, da das Kraut allem Anschein nach (so ich mich dieser eher materialistischen Analogie bedienen darf) bei der Rückkehr in den Normalzustand ein ungenutztes Kapital an Freude zurücklässt für den nächsten Genuss, um darauf das Geschäft aufzubauen". Ludlow erklärt die Eigenschaften des Haschischs, ohne schwarz zu malen – und er war so manchem Freund, der selber Experimente mit der Substanz machen wollte, ein psychonautisch hilfreicher Tripsitter. So zum Beispiel einem Mann, der in Ludlows Anwesenheit zum ersten Mal Haschisch genommen hatte, nach Eintritt der Wirkung von einer übermäßigen Euphorie befallen worden war und Ludlow fragte, ob er irgendwann wieder zu Sinnen kommen und normal werde. Ludlow entgegnete, was ein Profi in solch einem Fall sagt: "Wie seltsam du dich auch fühlen magst, glaube mir, du hast nicht den geringsten Grund, dich zu fürchten. Ich war dort, wo du jetzt bist, und ich versichere dir bei meiner Ehre, du wirst zurückkehren, ohne dass dir ein Leid geschieht. Nichts Böses wird dir widerfahren; überlasse dich nur der ganzen Wucht deiner Gefühle, in vollem Vertrauen darauf, dass du von keiner Gefahr bedroht bist". Und Fitz Hugh Ludlow erklärt ganz richtig: "So vollständig neu und unbekannt ist die Haschisch-Welt für den, der zum ersten Mal sie schaut, dass auch der tapferste Mann die grandiosen Wirklichkeiten nicht besser zu ertragen vermag als die schwächste Frau; auch er bedarf des Zuspruchs seiner Umgebung".
S
Soft Secrets