Mozart, Bach und Cannabis
Die Verbindung zwischen kreativem Schaffen und berauschenden Substanzen ist kein modernes Phänomen. Schon vor Jahrhunderten nutzten Gelehrte, Musiker und Intellektuelle die Kraft des Hanfs – sei es zur Inspiration, zur Belustigung oder zur Linderung körperlicher Leiden. Doch wo endet die historische Wahrheit und wo beginnt die Legende?
Bach und der „Gute Knaster“
Johann Sebastian Bach (1685–1750) war ein bekennender Freund seiner Pfeife. In seinem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“ widmete er dem Rauchen sogar poetische Zeilen. Während Historiker oft davon ausgehen, dass es sich um reinen Tabak handelte, gibt der Begriff „Knaster“ (oder Canaster) Rätsel auf. Etymologisch leitet er sich vom spanischen Canastra (Korb) ab. In der Volkskultur jener Zeit wurde jedoch oft minderwertiger Tabak mit Hanf gemischt oder purer Hanf geraucht. Das typische Knallen der Hanfsamen beim Erhitzen gab dem „Knaster“ seinen Namen. Für den einfachen Mann war Hanf das „Arme-Leute-Kraut“, da Tabak ein teures Importgut war.
Hegels „euphorisierte“ Vorlesungen
Ein besonders spannendes Beispiel ist der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831). Berichten zufolge nutzte Hegel eine Schnupftabakmischung, die mit Cannabis indica versetzt war. Der Forscher Heiner Höfener beschrieb, dass Hegel dem Gemisch kräftig zusprach, was ihn in einen euphorisierten Zustand versetzte. Dies soll sogar sichtbaren Einfluss auf seine komplexe Sprache während der Vorlesungen gehabt haben – ein frühes Beispiel für „Microdosing“ in der akademischen Welt?
Mozarts „berauschende“ Medizin
Bei Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) verdichten sich die Hinweise auf eine gezielte Nutzung. Mozart war zeit seines Lebens von Krankheiten geplagt: Gelenkrheumatismus, schwere Infektionen und chronische Kopfschmerzen begleiteten das Genie. Laut dem Cannabis-Forscher Mathias Bröckers soll Mozart in jungen Jahren cannabisversetzte Süßigkeiten genossen haben. Zur damaligen Zeit war Haschischöl ein gängiges Mittel in europäischen Apotheken. Es ist wahrscheinlich, dass Mozart die Pflanze nicht nur zum Vergnügen, sondern primär als Analgetikum gegen seine Schmerzen einsetzte.
Die „Goethe-Ente“: Ein moderner Mythos
Oft wird behauptet, auch Goethe und Schiller hätten gemeinsam Hanf geraucht. Diese Geschichte ist jedoch eine reine Fiktion. Sie entstammt der Feder des Journalisten Johann C. Seibt, der die Erzählung in den 1990er Jahren als humorvolle Weihnachtsbeilage verfasste. Obwohl der Text weltweit für Aufsehen sorgte und sogar den „Fressflash“ der Dichterfürsten beschrieb, gibt es keine wissenschaftlichen Belege für einen Cannabiskonsum der beiden.
Ob als Schnupftabak-Zusatz bei Hegel oder als „Knaster“ bei Bach – Hanf war fester Bestandteil der Kulturgeschichte. Während manche Geschichten ins Reich der Legenden gehören, zeigt der Blick auf Mozart und Bach, dass die Grenzen zwischen Medizin, Genuss und kreativem Antrieb schon immer fließend waren.