„Wir brauchen eine drogenpolitische Wende“

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Wenn einem der Lockdown-Stress zu viel wird

Deutschland sitzt seit dem 2. November im zweiten Lockdown – doch das Leben muss irgendwie weiter gehen. Wer dem Alkohol zugetan ist, kann diesen in den weiterhin geöffneten Supermärkten in beliebiger Menge erstehen. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 gab es bereits viele Berichte über die Zunahme des kritischen Alkoholkonsums. Wie aber sieht es bei den Konsumenten anderer Substanzen aus?

Beim Cannabis haben regelmäßige Konsumenten, die nicht selber anbauen, ihre Kontaktpersonen. Diese wohnen häufig in anderen Gegenden oder müssen selber ihre Kontaktpersonen erreichen. Es gibt sicherlich auch nach wie vor den Straßenverkauf. Hier sind die Qualitäten oder Preise aber häufig nicht im akzeptablen Rahmen. Es mag ein Zufall sein, aber seit dem ersten Lockdown scheint es gehäuft Meldungen über Polizei-Zugriffe gegen Drogendealer und Cannabisanbau zu geben. Dieses ließe sich damit erklären, dass Reisende in Lockdown-Zeiten noch auffälliger sind.

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Entkriminalisierung gefordert!

 

Cannabis ist in dem Sinne keine Problemdroge. Sicherlich kann es einen starken psychischen Drang zum Konsum geben. Ein schwerer oder gar lebensbedrohlicher Entzug ist hingegen ausgeschlossen. Wer nicht medizinisch konsumiert, kann von heute auf morgen mit seinem Konsum aufhören. Die Umstellungszeit geht einem durchaus an die Nerven, und auch danach möchte man doch irgendwie konsumieren.

Wer sich als gesunder Cannabis-Konsument im Lockdown nicht versorgen kann, hat also dennoch ein Problem. Mit Cannabis wäre der lange Tag erträglicher, ohne ist es einem noch langweiliger. Doch all das ist harmlos im Vergleich zu Konsumenten der sogenannten harten Drogen. Diese haben es in normalen Zeiten bereits schwer, ihr Geld aufzutreiben. Im Lockdown wird alles noch schwerer. Betteln in der Fußgängerzone fällt flach. Einige dealen Kleinmengen, um sich selbst versorgen zu können. Wenn die Kunden weniger Geld haben, hilft auch das nicht über die Runden. Anders als beim Cannabis setzt eine richtige Panik ein, mit der die Betroffenen noch leichtsinniger werden. Obdachlose, die wegen des einsetzenden Entzugs kaum noch etwas machen können, überleben die frostige Nacht eventuell nicht.

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Diplom-Pädagoge Ralf Gerlach leitet INDRO e.V.

 

Zu dieser Problematik befragen wir den Diplom-Pädagogen Ralf Gerlach, der den INDRO e.V. in Münster leitet. Es handelt sich um einen Drogenkonsumraum und um Drogenhilfe für Schwerstabhängige aus der Drogenszene.

Soft Secrets: Vorab schon einmal vielen Dank für Ihre Zeit. Unsere Leser interessieren sich für Cannabis und gehören kaum zu Ihren Stammgästen, die bereits sehr weit unten angekommen sind. Wie sieht deren normaler Alltag aus?

Ralf Gerlach: Eine kurze Vorbemerkung: Viele unserer „Kunden“ praktizieren polyvalente Gebrauchsmuster, beschränken ihren Konsum also nicht nur auf eine bestimmte Droge. Darunter sind etliche, die neben Opioiden, Kokain und anderen Substanzen parallel auch Cannabis konsumieren – gut so: besser Cannabis als das ruinöse Zellgift Alkohol! Nun, was den Tagesrhythmus unserer „Stammgäste“ anbelangt, so wird dieser überwiegend bestimmt durch die Versorgung mit Drogen und das Beschaffen der dazu erforderlichen finanziellen Mittel, begleitet von der ständigen Angst, von der Polizei dabei ertappt zu werden. Sie leben überwiegend in prekären Verhältnissen, und da nur selten soziale Kontakte zu nicht Drogen Konsumierenden bestehen, hat die Drogenszene für sie eine zentrale Bedeutung als gelebter Sozialraum. Viele halten sich dort täglich und oft stundenlang auf – kein Wunder: Ein Drittel der Menschen auf der Szene ist wohnungslos – unterbrochen von Nutzungsperioden in unserer Hilfeeinrichtung.

Soft Secrets: Der INDRO e.V. begleitet Problemkonsumenten und Schwerstabhängige, damit diese nicht weiter abrutschen. Ist das der Weg zurück in ein normaleres Leben? Oder geht es lediglich um den Erhalt des Status quos?

Ralf Gerlach: Zunächst einmal: Es gibt keine leichte oder schwere Abhängigkeit von bestimmten Substanzen. Entweder besteht eine körperliche und/oder psychische Abhängigkeit oder nicht. Unterscheiden kann man im Hinblick auf gesundheitliche und soziale Aspekte. Und diesbezüglich besteht oft ein hoher Verelendungsgrad bei denjenigen, die sich auf der offenen Drogenszene aufhalten. Wir dürfen hierbei aber nicht vergessen, dass es mindestens ebenso viele sozial integrierte und kontrolliert Opioide und Kokain konsumierende Menschen gibt, wie solche, die einen Abhängigkeitsstatus entwickeln und dann oft auf die Szene abdriften. Letztere sind unsere primäre Zielgruppe. Für einen Teil von ihnen würde ein weiteres „Abrutschen“ schlicht den Tod bedeuten. Daher geht es bei vielen von ihnen zunächst einmal um die Sicherung des Überlebens. Neben überlebenssichernden Maßnahmen (etwa drogentherapeutische Ambulanz und Drogenkonsumraum) halten wir aber auch eine breite Palette an umfangreichen psychosozialen Unterstützungsleistungen vor, um zu einer Verbesserung und Normalisierung der Lebens- und Alltagssituation in möglichst allen Belangen beitragen zu können. Darüber hinaus arbeiten wir eng mit anderen Hilfsdiensten zusammen, und selbstverständlich bieten wir auch Ausstiegshilfen an.

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Safer-Use-Pack

 

Soft Secrets: Wie ändern sich alltägliche Abläufe bzw. das Leben Ihrer Stammgäste im Lockdown?

Ralf Gerlach: Viele haben Angst vor einer Infektion, andere sind eher depressiv, wiederum andere verhalten sich aggressiv, und manche leugnen schlicht eine Gefahrenlage durch das Corona-Virus und bedienen die Klaviatur der Verharmlosung – es spiegelt sich also ein Abbild der Stimmungslage der sog. „Normalbevölkerung“ wider. Durch die „Entlebung“ des öffentlichen Raums und dadurch bedingter erhöhter Sichtbarkeit und Auffälligkeit ist die Geldbeschaffung, die im Übrigen meist nicht auf legalem Wege möglich ist, schwieriger geworden. Deshalb sind ein erhöhter Ausweich-Alkoholkonsum sowie die Entstehung zusätzlicher kleiner Treffpunkte abseits der Drogenszene feststellbar. Darüber hinaus muss aufgrund der verringerten Anzahl an Plätzen in unserem Konsumraum und längerer Wartezeiten wieder vermehrt Konsum in der Öffentlichkeit unter unhygienischen Bedingungen und unter Zeitdruck stattfinden.

Soft Secrets: Wie groß ist die Gefahr, dass der ein oder andere durch den Lockdown noch weiter abrutscht?

Ralf Gerlach: Diese Gefahr ist durchaus gegeben, schließlich verschärft der Lockdown die soziale Isolation nochmals. Diskriminierung, Stigmatisierung und Marginalisierung werden noch spürbarer erlebt, was zu Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben und zu einem äußerst riskanten Konsumverhalten im öffentlichen Raum sowie zu einer weiteren Verschlimmerung des Gesundheitszustandes führen kann.

Soft Secrets: Gäbe es genug Heim- oder Therapieplätze, um derzeit abstürzende Drogenabhängige aufzufangen?

Ralf Gerlach: Bisher können wir keinen Mangel an Therapieplätzen feststellen. Wir sind in Münster allerdings auch in der glücklichen Lage, hinreichend Plätze für Substitutionsbehandlungen anbieten zu können. Auch die Vermittlung in abstinenzorientierte Therapieformen ist jederzeit möglich. Was eindeutig fehlt, ist eine Diamorphinambulanz vor Ort, um denjenigen ihr Überleben zu sichern und eine schrittweise Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen zu können, die von den klassischen Therapieangeboten nicht profitieren können.

Soft Secrets: Bleibt die Polizei im Lockdown ruhig oder werden verstärkt nervös auffallende Konsumenten aufgegriffen?

Ralf Gerlach: Für Münster kann ich der Polizei ein Agieren mit Augenmaß und Wahrung der Verhältnismäßigkeit bescheinigen. Dies gilt ebenso für den kommunalen Ordnungsdienst.

Soft Secrets: Der Bund und die Länder haben umfangreiche Corona-Soforthilfen für die Wirtschaft bewilligt. Es wurden auch für andere Lebensbereiche Strategien für die schwere Zeit getroffen. Greift die öffentliche Hand dem INDRO oder ähnlichen Einrichtungen unter die Arme?

Ralf Gerlach: Bis jetzt haben wir die Coronazeit mit den vorhandenen Fördermitteln bewältigen können, und wir fühlen uns von der städtischen Verwaltung und der Politik angemessen unterstützt. Dies mag sich bei Drogenhilfe-Einrichtungen in anderen Regionen als schwieriger darstellen.

Soft Secrets: Dieser Lockdown wird wegen des SARS-CoV-2 Virus verhängt. Gehören Problemkonsumenten zur Hochrisikogruppe?

Ralf Gerlach: Nicht nur ein Großteil der Szenezugehörigen, sondern auch viele Menschen in Substitutionsbehandlung zählen aufgrund häufig vorliegender, vielfältiger Vor- und Begleiterkrankungen zur Gruppe der Personen mit einem erhöhten Risiko eines schweren Verlaufs im Falle einer Infektion.

Soft Secrets: Welche Maßnahmen trifft INDRO, um Infektionen zu vermeiden?

Ralf Gerlach: Wir sind dazu verpflichtet, alle aktuellen Hygiene-, Infektions- und Arbeitsschutzrichtlinien genauestens zu befolgen. Daraus resultiert etwa ein einzelkontrollierter Einlass unter Maskenpflicht, Fiebermessung und Händedesinfektion, Aufklärung über die in der Einrichtung geltenden Regeln durch Ansprache und Aushänge, ständige Durchlüftung der Räumlichkeiten. Darüber hinaus musste die Anzahl der sich gleichzeitig in der Einrichtung aufhaltenden Klienten aufgrund der Abstandsregel drastisch reduziert werden.

Soft Secrets: Gibt es Infektionen unter Problemkonsumenten?

Ralf Gerlach: Bisher ist uns noch kein Fall einer verifizierten Corona-Infektion bei unserem Klientel bekannt geworden. Auf Bundesebene sind aber einige Fälle registriert worden. Zu den Verläufen liegen mir allerdings keine verlässlichen Informationen vor.

Soft Secrets: Gehören gesundheitlich beeinträchtigte Schwerstabhängige möglicherweise zur Impf-Risikogruppe?

Ralf Gerlach: Bisher sind, wie gesagt, nur wenige Coronafälle in dieser Gruppe ermittelt worden. Deshalb vertrete ich die Auffassung, dass ihnen kein bevorzugter Rang in der Impfreihenfolge zugestanden werden muss. Ihr Impfzeitpunkt sollte, wie bei allen anderen Menschen auch, entsprechend ihres Alters und ihres gesundheitlichen Status’ einzelfallbezogen festgelegt werden.

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Wegen Corona nur 2 anstelle von 6 Plätzen

 

Soft Secrets: Was müsste die öffentliche Hand unternehmen, um Ihre Problemfälle sicherer durch die schwere Zeit zu bringen? Was wären Ihre Wünsche?

Ralf Gerlach: Ich möchte diese Frage anders als gedacht beantworten, indem ich in aller Kürze zum wiederholten Male daran erinnern möchte, dass die „Problemfälle“ hausgemacht, d.h. die logische Folge der Prohibition sind, denn die Illegalisierung bestimmter Substanzen im Betäubungsmittelgesetz und die Kriminalisierung der Konsumenten hat das Gegenteil dessen bewirkt, was eigentlich mit dem Strafrecht und der Verbotspolitik erreicht werden sollte. Drogenmissbrauch und das Entstehen von Abhängigkeit konnten nicht im Geringsten verhindert werden. Und dies betrifft unsere Klientel ungemein härter als Cannabis gebrauchende Menschen. Wenn 123 deutsche Strafrechtsprofessoren das auch so sehen, lässt das aufhorchen und zwingt zum Handeln! Wir brauchen eine drogenpolitische Wende, eine Umorientierung von strafrechtlicher zu gesundheitsrechtlicher Regulierung des Umgangs mit allen Drogen – ob unter Corona oder nicht.

Ralf Gerlach hilft als Leiter des INDRO e.V. drogenabhängigen Menschen. Der ein oder andere schafft damit doch den Absprung in ein normaleres Leben. Dafür möchten wir uns bei Herrn Gerlach und allen INDRO-Mitarbeitern bedanken.

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